Berlin : Erika Rieft (Geb. 1920)

Sie schaute in den Berliner Himmel und band den Gürtel ihres Mantels fester

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Wer bestieg damals schon, Anfang der Vierziger, ein Flugzeug. Und wer flog tatsächlich los. Vielleicht betuchte Damen und Herren, hochgestellte Persönlichkeiten. Sicher Soldaten, um Bomben auf feindlichem Gebiet abzuwerfen. Erika Rieft gehörte weder zu den einen noch zu den anderen. Sie blieb, wie die meisten, am Boden. Aber sie sah die Maschinen, jeden Tag, wenn sie von dem Stenografieblock, den sie abzutippen hatte, aus dem Fenster ihres Büros auf das Tempelhofer Flugfeld schaute. Sah die Maschinen abheben und sich immer weiter im blauen oder regengrauen Himmel entfernen, geschrumpft dann zu einem Punkt, der irgendwann ganz verschwand.

Sie senkte die Augen und tippte rasch die letzten Worte, angelte ihre Jacke vom Haken, setzte sich auf ihr Fahrrad und fuhr los, quer durch die Stadt, bis in den Woltersdorfer Garten ihrer Eltern, zog sich um und fuhr weiter, lehnte das Rad an einen Baum, sprang in den Müggelsee und durchschwamm ihn einmal von einem zum anderen Ende und wieder zurück.

Ihr Vater war einmal aus Berlin und dem Brandenburgischen herausgekommen, hatte als U-Bahn- Bauer nach einem Einsturz verschüttete Menschen aus dem Schacht befreit und zum Dank eine Fahrt hoch in den Norden, nach Norwegen, geschenkt bekommen. Erika hörte seine Erzählungen vom Atlantik und von den Fjorden und der fremden Sprache, studierte englische und französische Grammatiken und reiste, über Wörterbücher gebeugt, in alle Winkel der Welt. Über ihr aber kreisten immer öfter amerikanische und britische Bomber, und sie duckte sich in einer mit Holzlatten abgedeckten Grube im Woltersdorfer Garten.

Die Bomber zogen ab, die Alliierten teilten die Stadt, Erika heiratete einen Kunstschmied aus Spandau und bekam eine Tochter. Doch das feuchte Spandauer Klima kroch dem Gatten in die rheumatischen Glieder. Sie packten ihre wenigen Sachen und zogen nach Prenzlauer Berg, in die Wichertstraße und übernahmen dort einen Seifenladen. Das enge Geschäft lag vorn, die schattige Wohnung dahinter. Sie gaben den Laden auf und eröffneten einen neuen, in der Karl-Liebknecht-Straße, stellten eine Mangel für die Tischdecken und Laken der Leute auf, verkauften Zahnpasta, Waschpulver und Bohnerwachs. Und die Ehe zerbrach.

Erika behielt die Drogerie bis 1974, schloss das Geschäft morgens um sieben auf und abends um sieben wieder zu, fuhr am Wochenende in den Garten und schrieb Jahr um Jahr die Vorkommnisse der Tage in schmale Kalenderbücher, alles in winzigen Stenografieschnörkeln. Sie begann zu reisen, nach Bulgarien, Ungarn und Russland, erreichbare Ziele. Ihre Tochter studierte und heiratete. Und entschloss sich, wegzugehen aus der DDR, nicht nach West-Berlin, nicht in irgendeine Stadt der Bundesrepublik, sondern tief in den Süden, in den Sudan und nach Libyen. Erika lief die Schönhauser hinauf und wieder hinab, setzte sich in den Woltersdorfer Garten, schaute in den Berliner Himmel und band den Gürtel ihres Mantels fester. Bald, dachte sie, es dauert nicht mehr lang, blätterte in ihrem schmalen Kalenderbuch und rechnete aus, wie viele Monate es noch bis zu ihrem Geburtstag wären. Dann nämlich würde sie 60 sein, eine Rentnerin, dann würde der Staat ihr erlauben, ins so genannte „nichtsozialistische Ausland“ zu reisen. Sie buchte einen Platz in einer Interflugmaschine, stieg an einem trüben Märztag in Schönefeld ein und hielt, viele Stunden später, die Hände über ihre Augen als Schutz vor der gleißenden Sonne von Khartum. Sie notierte alles, was sie sah und hörte und roch, die fremden Früchte auf den Märkten, die Rufe der Männer, die Süße der Seifen und Duftwässer.

Jetzt sitzen Erikas Tochter und Enkelkinder vor den Kalendern all der Jahre, beugen sich dicht über die Seiten und entziffern die winzigen Stenografieschnörkel. Tatjana Wulfert

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