Berlin : Erika Zarth (Geb. 1931)

Nie würde sie sich an den Tisch setzen und mittrinken

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Die Bilanz der Schießerei in der Bleibtreustraße, 27. Juni 1970: Ein Toter, drei Verwundete, sieben zerschossene Autos und ein paar Jahre Knast für die beteiligten Bandenchefs.

Die „Koralle“-Bar von Erika hatte noch nicht offen, als das Kugelgewitter abends gegen neun losbrach. Keine verletzten Stammgäste zu beklagen, das Interieur von Querschlägern verschont – und trotzdem markiert die Straßenschlacht zweier Zuhältergruppen einen wichtigen Wendepunkt in ihrem Leben.

Als Kriegskind wusste Erika, was Waffengewalt bedeutet. Sie sah das brennende Dresden und die fliehenden Menschen, in Torna, einem Dresdner Vorort, wo sie von Tante Lehnchen aufgezogen wurde, weil Mutter gestorben war und Vater im Krieg. Es gab wenig zu essen, die Stullen für die Schule hatte sie meist schon auf dem Hinweg verputzt.

Da war die Lehrstelle in der Stadtverwaltung ein Rettungsanker. Endlich kam etwas Geld herein. Erika verwaltete die öffentlichen Belange sehr gut, 1951 wurde sie zum Deutschen Sportausschuss nach Ost-Berlin entsandt, später arbeitete sie als Sekretärin beim „Deutschen Innen- und Außenhandel“, eine Vertrauensposition. Auf der Leipziger Messe lernte sie Geschäftsleute aus dem Westen kennen, es gab private Treffen, die streng verboten waren. Der Parteisekretär entschied: Erika muss zur Wiedergutmachung in die SED eintreten.

Was sollte sie tun? Es stand vieles auf dem Spiel, aber sie war erst 22, da war eine offene Zukunft noch kein Angstraum.

Sie wagt die Flucht in den Westen, nach Hamburg. Die Stasi schickt ihr IMs hinterher und den großen Bruder, der sie zur Rückkehr überreden soll. Eigentlich verlockend, weil das spröde Hamburger Leben der redefreudigen Sächsin Seelenschmerzen bereitet. Statt nach Hause geht sie nach West-Berlin und beginnt, in Nachtbars zu arbeiten.

Warum gerade diese Branche? Warum nicht? Erika ist immer noch zu jung, um sich festlegen zu müssen. Sie arbeitet im „Chez Nous“, einem berühmten Travestieladen, und im „Tusculum“. Dort lernt sie Karlchen kennen, einen Barmann, der ihr von Sylt vorschwärmt. Dort sei das große Geld zu Hause, und nachts würden die Champagnerkorken knallen.

Erika kommt mit, fängt als Kellnerin im „Gogärtchen“ an, serviert Gunter Sachs und August Oetker Kaffee und Krabbenbrote. Im Dirndl, so will es die Chefin. Ein friesisch-bayerisch-sächsischer Mischmasch als PR-Gag für gelangweilte Millionäre. Erika hasst ihr Dirndl und die Krabbenbrote. Aber sie weiß, wofür das alles: Unabhängigkeit, ein eigener Laden, das ist ihr Traum.

Nach drei Jahren Sparsamkeit reicht das Geld für die „Koralle“. Inzwischen hat Erika auch einen Mann kennengelernt, einen Nachtschwärmer, der eher die große Geste beherrscht als das Pfennigfuchsen. Zusammen eröffnen sie das Nachtlokal in der Bleibtreustraße. 1961, kein gutes Jahr um anzufangen. Nach dem Mauerbau verlassen viele West-Berlin, enttäuscht über das Stillhalten der Schutzmächte. Im ersten Jahr läuft die „Koralle“ schleppend, dann wird es besser. Es gibt durchgehend warme Küche. Erika kocht Gulaschsuppe für die Taxifahrer, Auftrittskünstler und Kellnerkollegen. Die halbe Flasche Johnnie Walker kostet 25, die Hausmarke „Koralle-Sekt“ 12, der „Cherry Heering“ 2 Mark.

1963 wird geheiratet. Die „Koralle“ ist inzwischen eine feste Größe im Berliner Nachtleben. Erika präsentiert sich ihren Gästen als generöse, zugewandte, zugleich Distanz wahrende Chefin. Nie würde sie sich an den Tisch setzen und mittrinken. Das ist eher die Rolle ihres Mannes Lothar, der gerne den Ton angibt, auch modisch, mit Maßanzügen und Krokolederschuhen. Erika sagt lange nichts dazu. Seine Eleganz strahlt ja auch auf sie und das Geschäft. Doch irgendwann übertreibt er es. 1969 wird geschieden.

Zwischendurch sind zwei Kinder auf die Welt gekommen. Das erste stirbt früh, das zweite, Michael, wird wie der eigene Augapfel gehütet. Er darf nicht Achterbahn fahren; bei Husten wird ein Arzt konsultiert. Könnte ja was Ernstes sein.

Im Juni 1970 dann die Schießerei. Am nächsten Tag ist die Bleibtreustraße tot. Erika verkauft die „Koralle“, geht für ein halbes Jahr nach Sylt, um Karlchens Restaurant mitaufzubauen, dann nimmt sie einen Verwaltungsjob an, Sekretärin in der Schulpsychologie, eine sichere Einkommensquelle mit günstigen Bedingungen für alleinerziehende Mütter.

In der Ballsaison hilft sie noch ab und zu an der Bar aus. Das Trinkgeld wird in Sylt- und Mallorca-Urlaube mit Sohn Michael investiert. Sie hat auch immer ein Auto zur Verfügung, hasst es aber, längere Strecken selbst zu fahren. Als Michael den Führerschein hat, übernimmt er das Steuer.

Jeden Sommer fährt sie nach Sylt, wenn das Geld reicht. Lieber eine kleine Wohnung in Staaken nehmen, als auf Sylt verzichten. Mit Freunden im Strandkorb sitzen, aufs Meer schauen, eine Zigarette rauchen. Was gibt’s Besseres?

Sie hat viele Freunde, ist eine Kümmerin, denkt an alle Geburtstage, schreibt jede Menge Postkarten. Auch mit Exgatte Lothar hält sie bis zu seinem Tod engen Kontakt.

Zigarettenrauchen gehörte früher zum Nachtleben dazu. Über den Lungenkrebs hat sie sich deshalb nicht wirklich gewundert. Sie verdrängt das Kranksein, bis sie zu schwach wird, es zu verbergen. Thomas Loy

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