Erinnerung an den Terror : Am eigenen Leib erfahren

Chajim Grosser ist Jude. Als Kind musste er sich vor Nazis verstecken. Heute kämpft er in einem Neuköllner Projekt gegen Vorurteile.

Chajim Grosser
Chajim Grosser (r) mit einem muslimischen Jugendlichen -Foto: Kitty Kleist-Heinrich

„Wie kann man denn bloß Israel mit Nachnamen heißen, das ist ja furchtbar!“ Der das sagt, ist Hassan (Name geändert), einer von 16 Zehntklässlern der Neuköllner Röntgen-Schule. Gemeinsam mit seinen Klassenkameraden ist er auf dem Weg in die Keramikwerkstatt eines gläubigen Juden: Chajim Grosser. Die Begegnung findet im Rahmen des Ethik- und Religionsunterrichts statt. Hassan ist 16 Jahre alt und Palästinenser. Den Namen „Israel“ hat er gerade auf einem Plakat in der U-Bahn gelesen.

Als Chajim Grosser die Neuköllner Schüler auf seine Werkstatt zukommen sieht, öffnet er das Fenster und winkt ihnen zu. Er trifft heute zum ersten Mal auf diese Klasse, und für viele der mehrheitlich muslimischen Schüler ist es überhaupt die erste Begegnung mit einem „lebendigen Juden“, wie die Lehrerinnen sagen. Gegen Vorurteile helfe oft nur das Kennenlernen.

Chajim Grosser, 1941 in Meißen geboren, hat am eigenen Leib erfahren, welche Konsequenzen Vorurteile haben können. Die ersten vier Jahre seines Lebens musste er sich mit seiner Mutter vor den Nazis verstecken. Er will nicht, dass die Verbrechen des Holocaust vergessen werden, gerade jetzt, wo sich am 9. November die Reichspogromnacht zum 70. Mal jährt. Aber er will auch nicht mit erhobenem Zeigefinger daran erinnern, sondern auf eine versöhnliche und kulturverbindende Weise. Das ist das Anliegen seiner Arbeit mit Jugendlichen wie Hassan. Und es ist auch das Anliegen einer religiösen Gedenkveranstaltung zum 9. November, die er gemeinsam mit christlichen Theologen organisiert.

In der Werkstatt in Prenzlauer Berg steht der Keramikmeister in der Mitte der Schüler und erzählt über sein Leben. Das ist Teil des Projekts. Er macht es kurz. Denn viel lieber lässt er einen Schüler eine Scheibe Ton abschneiden und macht vor, wie man einen Hohlkörper für den Kopf einer Figur formen kann. Heute soll jeder Schüler eine Figur aus der Abrahamsgeschichte töpfern. Die Geschichte gibt es im Christentum, im Judentum und im Islam.

Hassan ist Moslem und sehr religiös. Er möchte einen betenden Menschen formen. Eine bestimmte Figur aus der Geschichte will er sich nicht aussuchen, er sagt, seine Religion verbiete das. Trotzdem macht Hassan das Töpfern Spaß. Er lässt sich von Chajim Grosser beim Modellieren helfen und ist beim Arbeiten ganz in sich versunken. Als fast alle anderen längst gegangen sind, sitzt er immer noch da und streicht die letzten Unebenheiten glatt. Beim Rausgehen sagt er seiner Lehrerin: „Ich hätte nie gedacht, dass ich so was Tolles machen könnte. Und dann hab ich’s auch noch von einem Juden gelernt.“

Gerade bei der Arbeit mit muslimischen Jugendlichen wird Chajim Grosser häufig mit Vorbehalten und Ablehnung gegenüber Juden konfrontiert. Er steckt das weg, aber es berührt ihn doch. Ein Mädchen einer anderen Klasse der Röntgen-Schule durfte nicht mit in die Werkstatt. „Wenn da ein Jude ist, sind da viele, und du trägst ein Kopftuch, das ist zu gefährlich“, sagte ihre Mutter. „Du Jude“ ist für die Schüler ein Schimpfwort, sagt Religionslehrerin Christine Mark. „Das muss nicht immer bewusster Antisemitismus sein, aber die Schüler haben schon eine Vorstellung davon, was sie da sagen.“ Deshalb setzt sich die Lehrerin für die interkulturelle und interreligiöse Projektarbeit ein.

Chajim Grosser macht bei dem Projekt mit, weil er in Deutschland geboren ist und gerettet wurde, „also will ich für mein Land das Beste, und dafür muss man etwas tun“. Allzu viel zurückblicken will er aber nicht. Von seiner Geschichte erzählt er nur zögerlich. Davon, dass der Vater sie verließ, als er erfuhr, dass die Mutter, ein Adoptivkind christlicher Eltern, in Wahrheit Jüdin war. Davon, dass sie sich in ihrer eigenen Wohnung versteckten, dort so leben mussten, als gebe es sie nicht: tagsüber keine Geräusche machen, abends kein Licht. Als auch das nicht mehr sicher war, wurden sie von einer Familie in deren Wohnung versteckt. Immer, wenn andere Leute kamen, musste Chajim sich mit seiner Mutter in den Schrank setzen und still sein, bis die Gefahr vorüber war. Viele Jahre lang wurde er die Angst vor Kleiderschränken nicht mehr los.

„Vergiss nie, dass es auch deutsche Christen waren, die dir das Leben gerettet haben“, habe sie ihm als Vermächtnis gesagt. Die religiöse Gedenkveranstaltung am 9. November liegt Chajim Grosser auch deshalb am Herzen. Die Feier verbindet Elemente verschiedener Religionen und ist für alle offen.

Die Gedenkveranstaltung „Die Zukunft in goldenen Lettern schreiben“ findet am 9. November statt, 21 bis 23 Uhr, Parochialkirche, Parochialstraße / Ecke Klosterstraße, Infos unter Tel. 81 29 56 93.

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