Berlin : Erinnerung an ein früheres Leben

Thiemo K. verlor beide Unterschenkel, als ein Fremder ihn vor die U-Bahn schubste. Heute beginnt der Prozess

Fatina Keilani

Neues Lebensjahr, neuer Lebensabschnitt – doch für einige Wochen muss Thiemo K. noch einmal zurückkehren in die Erinnerung an sein früheres Leben. Muss noch einmal den Tag durchleben, an dem er auf dem U-Bahnhof Zwickauer Damm vor eine einfahrende U-Bahn gestoßen wurde. Heute beginnt der Prozess gegen den Angreifer. Der mutmaßliche Täter, der 33-jährige Waldemar O., steht wegen versuchten Mordes vor dem Landgericht. Thiemo K., der am Sonnabend seinen 23. Geburtstag feierte, wird zum Prozess kommen und aussagen. Er ist zugleich Nebenkläger.

„Ich versuche das zu verdrängen und lieber nach vorn zu schauen“, sagte Thiemo K. dem Tagesspiegel am Wochenende. Die Tat geschah am 16. Dezember 2002. Thiemo K. war auf dem Weg von seiner Ausbildung in einem Neuköllner Elektrogeschäft nach Hause zur Freundin und der gemeinsamen Tochter, als Waldemar O. auf dem U-Bahnhof Zwickauer Damm erst wirr auf ihn einredete und ihn dann plötzlich vor den einfahrenden Zug stieß. Der erste Wagen überrollte Thiemo K., der schwer verletzt überlebte, aber beide Unterschenkel verlor.

Viele Berliner nahmen Anteil an seinem Unglück. Sie spendeten Geld, die junge Familie konnte Mitte April nach Rudow in eine Parterrewohnung mit Garten ziehen. Der Unternehmer Hans Wall spendierte ein behindertengerechtes Auto. Thiemo K. hörte man nie klagen. Immer sprach er vom Mut zum Neuanfang und seinem Willen, sich nicht unterkriegen zu lassen. Er beginnt demnächst eine Ausbildung zum Industriekaufmann in der Firma Wall; der Lehrvertrag ist allerdings noch nicht unterschrieben. „Aber das kommt schon noch“, sagt Thiemo K.

Der Angeklagte Waldemar O. ist Spätaussiedler aus Kasachstan und mehrfach vorbestrafter Gewalttäter. Er wurde nur einen Tag nach der Tat verhaftet. O. hatte auf dem Bahnsteig gezecht. Er selbst bestreitet das, aber Zeugen haben den Kasachen erkannt. Er soll häufiger dort gewesen sein. Außerdem ist er mit seinen zwei Metern und acht eine auffällige Erscheinung. Auch Thiemo K. hat ihn wiedererkannt, auf Fotos, die man ihm im Krankenhaus zeigte. O. hatte Thiemo K. auf russisch angesprochen und auf ihn eingeredet. Thiemo K. versteht kein Russisch, er wandte sich ab. Dann ließ O. ließ ihn zunächst in Ruhe – bis die Bahn kam.

Zwei Tage schwebte Thiemo K. in Lebensgefahr, drei Monate war er insgesamt im Krankenhaus. Das rechte Knie musste amputiert werden, weil es nicht heilte. Das macht das Laufen auf Prothesen schwierig. Aber Thiemo K. ist ein sportlicher Typ, und er hat Ehrgeiz. Er will in diesem Sommer wieder laufen können, hat er gesagt. Vermutlich wird am 30. Juli das Urteil gesprochen. Thiemos Wunsch: dass Waldemar O. „möglichst lange weggeschlossen wird, damit das anderen nicht auch noch passiert“.

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