Berlin : Erinnerung, Ironie und Enttäuschung

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Ein alter Grauschopf trat vor den mannshohen Beton, auf dem eine Metalltafel befestigt ist. Auf dieser steht: Das Erbe des Faschismus war Schutt und Ruinen. Durch freiwillige Arbeit der Bevölkerung im Nationalen Aufbauwerk entstand diese Anlage. Eine Tat des Friedens 1955. Daneben ein aufrechter Bär mit Spaten. Der alte Mann hielt die Hände hinterm Rücken verschränkt. Er verharrte. Ich ließ ihn ungestört bei sich selbst. Sagte ich übrigens schon, wo ich auf Posten saß? Auf einer Bank an halbwegs begrünter Ausbuchtung gleich hinter der Warschauer Brücke gegenüber der Helsingforser-/ Ecke Warschauer Straße. Der mit Dosen, Kippen und Hundehäufchen bedeckte Kümmer-Rasen in schmaler Steinumfassung wird von sommermüdem Gesträuch, niedrigen Bäumen im Halbkreis bewacht, und hinter einem Blechzaun stehen Pappeln stramm. Zwei Bänke sind hier aufgestellt. Und neben dieser verdorrten und vernachlässigten Tat des Friedens im Kalten Krieg ist eine Tafel unserer Tage errichtet, auf der es textreich und rätselhaft zugeht. Von einem Entwicklungsprojekt von Stadtkonsumenten zu Stadtproduzenten ist die schwallende Rede. Ich werde später an nahegelegenem Ort erklärt bekommen, dass es sich hierbei um eine ironische Anspielung auf gängige Stadtentwicklungs-Schwätzereien handelt, die aus jedem ordinären, gleichgebauten Einkaufs- und Bürogetürme einen Park machen oder – befallen von epidemisch grassierender Centritis – ein Center. Wir wandeln ja sprachlich uniformiert in dieser zunehmend uniformen Stadt. Eines ihrer neuzeitlichen Kennzeichen ist der Büro- und Geschäftshaus-Leerstand. Wo wies man mich auf die Ironie der Stadtentwicklung hin? Hinterm Blechzaun der Tat des Friedens. Dorthin gelangte ich über die Revaler Straße, rechts ab von der Warschauer. In meinem Ost-Berliner Stadtplan von 1957 ist die kleine Anlage aus dem Jahr 1955 nicht eingetragen, wohl aber das grau schraffierte RAW Franz Stenzer, das Reichsbahn-Ausbesserungs-Werk seitlich und unterhalb der Warschauer Brücke, wo jetzt die Deutsche Bahn ihre Nacht-Züge wäscht. Das große Gelände des RAW liegt von der Bahn, nicht aber von allen guten Geistern verlassen da. Ich betrete den RAW-Tempel e.V. von der Revaler aus. Und ein jüngerer Mann, Physiker aus dem westfälischen Münster, wusste von dem Berliner RAW-nspatron Franz Stenzer als einem kommunistischen Widerstandskämpfer. Wo bis zur deutschen Wende die Reichsbahn ihre Züge ausbesserte, haben sich junge Kräfte im Verein vereint und einfallsreich zwischen abgesperrten Schuppen breitgemacht. Da stehen aus Ton gebrannte Drachen, Iglus und fabelhafte Baumgebilde von Kinderhand geschaffen (hier darf aus Lehm, Sand, Stroh & Wasser gematscht, gebaut & gespielt werden) und auf einer Tafel wird darum gebeten, einen Euro zu erübrigen; denn heutzutage kostet Lehm leider Geld. An anderer Stelle ist von einem städtischen Kartoffelacker die Rede, wo zwischen gestapelte Autoreifen Erde gefüllt wurde, aus der es jetzt herbstlich dörrt. Ein Holländer, der auf seine doppelte Staatsbürgerschaft hinwies, trifft gerade Vorkehrungen für eine Wochenend-Party. Er spricht von Kaufverhandlungen fürs Gelände und auch von der Ironie des Plakates neben der Anlage vorm Blechzaun an der Warschauer Brücke. Aber den Gedenkstein für die Tat des Friedens nach dem Erbe des Faschismus hat er noch nie wahrgenommen.

Die Enkelgeneration – sei sie nun Ost- oder West-Berliner, auswärtiger oder ausländischer Herkunft – schafft im vereinten Berlin aus dem jüngsten Erbe einen Ort, an dem Fantasie und Freude sichtbaren Ausdruck bekommen. Aber vielleicht stehen in einigen Jahren an der Revaler Straße verharrend Grauschöpfe vor einem Einkaufs-Center und leeren Büroglashaus und erinnern sich an ihre enttäuschten Entwürfe einer Stadt.

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