Berlin : Erinnerung macht nicht satt

Wolfram Siebeck

im Zwiegespräch mit seinem Haustier In der Zeit, die ich brauche, um die Haustür hinter mir zu schließen, und den Hut (den ich nicht trage) auf den Haken zu hängen (der nicht existiert), kommt Frau Hoffmann aus den Tiefen der Räume und rennt mit hoch erhobenem Schwanz die Treppe herunter. Auf der dritten Stufe von unten treffen wir aufeinander, was sie zur Demonstration ihrer Wiedersehensfreude benutzt. Sie legt sich schnurrend vor meine Füße, reibt ihren Kopf an der Treppenstufe und verhindert meinen weiteren Aufstieg. Es ist rührend. Man kennt solche Szenen aus der Politik, wenn ein in Ungnade gefallener Funktionär wieder ins Rampenlicht aufs Podium darf. Wie er sich freut! Wie sich alle Anwesenden die Freudentränen aus den Augen wischen! Dass es nur Krokodilstränen sind, weiß im Grunde jeder.

Bei Frau Hoffmann ist das nicht anders. Ihre Begrüßung fällt deshalb so überschwänglich aus, weil sie weiß, dass ich ihr was mitgebracht habe. Zumindest hofft sie es. Nun kommt es nicht selten vor, dass ich ihr nichts mitbringe. Trotzdem begrüßt sie mich wie den verlorenen Sohn. Ich bin skeptisch. Beobachten wir nicht immer wieder, wie zur Wahl aufgerufene Bürger eine Partei wählen, die ihnen nie etwas Gutes beschert hat? Deren Wohltaten nur aus Versprechungen bestanden, aus Schuldzuweisungen und neuen Versprechungen?

Deshalb habe ich kein schlechtes Gewissen, weil ich Frau Hoffmann an der Nase herumführe. Mich macht nur ihre sinnlose Dankbarkeit stutzig. Ihr hartnäckiger Glaube an meine Gutherzigkeit verweist wieder auf die Dummheit der Wähler. Als ich als bewaffneter Schüler in den letzten Kriegstagen um mein Leben rennen musste, hörte ich um mich herum aufmunternde Stimmen, die vom Endsieg schwafelten. Die Menschheit und wohl auch die Tierwelt wehren sich gegen die Realität, welche ihnen sagen müsste, dass nicht jeder ein Stück Putenschnitzel in der Tasche hat.

Nachdem sie genug gekatzbuckelt hat, rennt Frau Hoffmann vor mir die Treppe rauf zu ihrem Napf. „Tut mir Leid“, lüge ich. „Ich habe heute nichts für dich.“ (Sie soll ja nicht verfetten wie ein Mops.) Sie sieht mich ungläubig an und verzieht sich. Morgen wird sie mir wieder erwartungsvoll entgegenspringen, wenn ich nach Hause komme. Immer wieder, wie ein Wähler, der gutgläubig zur Urne hastet. Abends sitzen wir zusammen vor der Glotze. Bevor sie wie üblich einschläft, maunzt sie leise: „Warum seht ihr euch das an? Ist doch immer dasselbe.“

„Eben darum“, sagt die Memsahib. „Wir warten auf den einen Tag, da Petra Gerster ungekämmt und mit verschmiertem Lippenstift ,Guten Abend‘ sagt.“

„Und was habt ihr davon?“

„Eine schöne Erinnerung. Noch im hohen Alter werden wir sagen: ,Weißt du noch, wie die vom ZDF, wie hieß sie noch, ungekämmt und mit verschmiertem Lippenstift die Nachrichten verlas?‘“

„Du hast doch bestimmt auch viele schöne Erinnerungen, oder etwa nicht?“, mische ich mich in das feministische Gesäusel ein. Es fällt Frau Hoffmann sichtbar schwer, die Augen, die sie bereits geschlossen hatte, wieder ein wenig zu öffnen. „Von schönen Erinnerungen werde ich nicht satt“, flüstert sie und bedeckt die Augen mit der Pfote. Wenigstens das ist ihr im Laufe der Zeit klar geworden.

Was den Wähler angeht, so glaubt er offenbar, auf sein tägliches Putenschnitzel abonniert zu sein. Pech für ihn.

Heute gibt es um 19 Uhr 30 eine Lesung mit Wolfram Siebeck. Im Grand Hotel Esplanade, Lützowufer 15, Tiergarten, stellt er Texte aus seiner Tagesspiegel-Kolumne vor. Es gibt noch einige Tickets (12 Euro inkl. Snack und Getränk). Reservierung heute von 9 bis 12 Uhr unter 260 09 282. Einlass ab 19 Uhr.

— Der Autor ist Deutschlands bekanntester Gourmetkritiker und kennt sich auch mit Katzen aus – ganz besonders mit Frau Hoffmann, seiner schlauen Mitbewohnerin. Sie hat zu allem etwas zu sagen.

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