Erinnerung : Rot auf Weiß

Beim traditionellen Erinnern an die beiden Sozialistenführer Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht treffen linke Realos mit Geschichtsverweigerern zusammen.

von
317799_0_017d2b74.jpg
Durch die Blume. Schon beim staatlich organisierten Gedenken zu DDR-Zeiten wurden traditionell rote Nelken auf die Gräber der...Foto: Reuters/Fabrizio Bensch

Direkt auf dem Bahnsteig in Lichtenberg kostet die rote Nelke noch einsfünfzig. In der Unterführung sinkt der Preis bereits auf einen Euro, auf dem weiteren Weg Richtung Zentralfriedhof Friedrichsfelde auf 80 Cent oder drei Stück für zwei Euro. Das „Bambus-Bistro“ hat geöffnet und einen Verkaufstisch nach draußen in den Schnee gestellt, der Schlemmer-Imbiss gegenüber dagegen hat die Chance aufs große Geschäft vertan, die sich an diesem Sonntag bietet wie alle Jahre wieder. In den Seitenstraßen warten Polizisten in Marsmännchenmontur auf die Demo vom Frankfurter Tor zur Gedenkstätte der Sozialisten, an der sich später am Tag nach Angaben der Polizei gut 3000 Personen beteiligen werden: Menschen, die sich selbst als Linke bezeichnen, aber darunter sehr verschiedene Dinge verstehen, die ungefähr vom Recht auf auskömmlich bezahlte Arbeit bis zur Abschaffung der Bundesrepublik zugunsten von Was-auch-immer reichen. Ein paar vage Angebote gibt es auf Flugblättern an den Ständen der linken Splittergruppen vor dem Friedhof, wo Hammer und Sichel geflaggt sind und die Weltrevolution angekündigt wird wie in jedem Jahr.

Aber vor der Demo steht das Gedenken an die Arbeiterführer Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht, die vor 91 Jahren von Freikorpssoldaten ermordet wurden. Um 9.30 Uhr betritt die Prominenz der Linkspartei das gepflegte Rondell mit den Grabstätten. In der ersten Reihe gehen die Bundesspitzen, dahinter folgen die Berliner. Lautsprecher verbreiten getragene Musik im Winterwind, während die Politiker ihre Kränze niederlegen und innehalten. Obwohl von hinten mehrere hundert Nelkenträger nachschieben und vorn die Fotoapparate klicken, ist es ein würdevoller, feierlicher Moment.

Auf ihn folgt ein weiterer, weniger beachteter – am etwas abseits stehenden Gedenkstein für die Opfer des Stalinismus, der vor drei Jahren eingeweiht wurde und von den meisten privaten Besuchern an diesem Sonntag gemieden wird. Udo Wolf, Fraktionschef der Linken im Abgeordnetenhaus, findet das bedauerlich, aber nicht empörend: „Ein über 40 Jahre vermitteltes einseitiges Geschichtsbild lässt sich nicht in 20 Jahren komplett drehen“, sagt er. „Aber wir arbeiten dran.“

Ein Mann in den Fünfzigern sagt, er komme jedes Jahr aus seiner Heimat Steglitz hierher, weil er Luxemburg und Liebknecht „für aufrechte Demokraten halte, die sich für Frieden und für die Entrechteten eingesetzt haben“. Die meisten anderen Besucher sind deutlich älter. Der Menschenstrom reißt nicht ab. Viele haben mit dem Wetter zu kämpfen; man hilft sich durch Schneewehen, hakt sich unter. Es sind ein paar weniger Besucher als sonst, und langsamer sind sie auch, aber es sind Tausende. Die Kommunisten in ihrem Lauf hält weder Frost noch Nebel auf.

Ein alter Mann mit Lenin-Anstecker und zwei Nelken in der Hand stoppt vor dem Stalinismus-Stein. Ob er sich vorstellen könne, hier eine Nelke abzulegen? „Nee!“ Warum nicht? „Weil das ausgemachter Unsinn ist. Erklären Sie mir doch mal, was Stalinismus ist!“, blafft er. Man gibt ihm ein paar Stichworte, aber erntet nur die leider knapp am Thema vorbeizielende Bemerkung, „dass die DDR vor allem soziale Sicherheit bedeutet hat. Dass es Verwerfungen gab, steht doch außer Frage.“ Der Stein aber stehe für „die Vereinnahmung der Geschichte durch das kapitalistische Weltbild“. Seit 20 Jahren werde die DDR „mit Schmutz und Lügen überzogen“. Und der Stalinismus? Der Mann möchte jetzt in Ruhe gelassen werden. Die linken Realos wie Udo Wolf haben also noch viel Arbeit vor sich.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben