Erinnerungen an Pierre Brice : Der Apache von der Spree

Für die Rolle Winnetous wurde Pierre Brice während der Internationalen Filmfestspiele 1962 entdeckt. Auch der Erfolg der Karl-May-Filme war eng mit Berlin und der Region verbunden.

von
Der ewige Winnetou. Pierre Brice bei einem Besuch 1988 in Dresden.
Der ewige Winnetou. Pierre Brice bei einem Besuch 1988 in Dresden.Foto: Hässler/Imago

Ohne Vidal wäre Winnetou nicht denkbar. Vidal, genannt El Señorito. In dem spanischen Film „Los Atracadores“ („Die Räuber“) war er einer von drei jungen Männern in Barcelona, die in die Kriminalität abgleiten. Jurastudent Vidal schlägt darin vor, das örtliche Kino auszurauben, was fürchterlich schiefgeht. Am Ende des Films wird er erschossen. Wie ja auch Winnetou.

Aber was hat all das mit dem Apachenhäuptling zu tun? Nun, Vidal wurde von dem noch völlig unbekannten Pierre Brice dargestellt. Der Film lief 1962 auf der Berlinale, und der Jungschauspieler war Gast bei der Premiere. Bei einer der Filmpartys, angeblich auf der Terrasse des Interconti, damals noch das Hilton, kam es zu einer schicksalhaften Begegnung mit dem Berliner Filmproduzenten Horst Wendlandt. Der suchte für sein Projekt „Der Schatz im Silbersee“ dringend nach einem Darsteller des Winnetou. In Pierre Brice fand er ihn. Der erfuhr wenig später auf einem Segelurlaub in Cannes, dass er Wendlandts erste Wahl war. Große Lust auf die Rolle verspürte er nicht, Karl Mays Bücher waren ihm unbekannt. Zum Glück ließ er sich überzeugen. Schon einen Monat nach Ende der Berlinale begannen die Dreharbeiten in Jugoslawien.

„Old Shatterhand in Moabit“

Man darf also sagen: Ohne die Berlinale, nein: ohne Berlin wäre Pierre Brice nie Winnetou geworden und die wohl größte Erfolgsgeschichte des deutschen Films der sechziger Jahre hätte so nicht stattgefunden. Zumal die beiden konkurrierenden Karl-May-Produzenten in Berlin saßen: Horst Wendlandt von der 1962 nach Berlin verlegten Rialto Film und Artur Brauner mit seinen CCC-Studios auf Eiswerder.

Pierre Brice erhält vom französischen Botschafter, Claude Martin, am 7. Juni 2007 in Berlin den französischen Orden eines Ritters der Ehrenlegion.
Pierre Brice erhält vom französischen Botschafter, Claude Martin, am 7. Juni 2007 in Berlin den französischen Orden eines Ritters...Foto: Kalaene/ dpa

An sich hatte die Beziehung zwischen Winnetou und Berlin viel früher begonnen, schon zu Lebzeiten Karl Mays, wenn man so will. Der setzte sich 1910 vor dem Amtsgericht Charlottenburg und 1912 vor dem Landgericht Berlin gegen eine verleumderische Attacke des Journalisten Rudolf Lebius zur Wehr, der ihn als „geborenen Verbrecher“ beschimpft hatte. Gegen Ende seines Lebens hatten Karl May seine Jugendsünden wieder eingeholt. Die Öffentlichkeit hatte von frühen kriminellen Verfehlungen erfahren, auch war immer deutlicher geworden, dass er und Old Shatterhand keineswegs, wie von ihm behauptet, ein und dieselbe Person waren – beides Auslöser für eine beispiellose Verleumdungskampagne, bei der die Attacke des Lebius nur eine von vielen war. Der Rechtsstreit lieferte 1988 die Vorlage zu dem Hörspiel „Old Shatterhand in Moabit“, ausgestrahlt vom Berliner Rundfunk.

Schon der erste Karl-May-Film ist eng mit Berlin verbunden: Er hieß „Auf den Trümmern des Paradieses“ und basierte auf einem Kapitel des Orient-Romans „Von Bagdad nach Stambul“. Gedreht wurde er 1920 in der zum Filmstudio umgebauten Doppelhalle der Albatros-Flugzeugwerke in Johannisthal und im Wüstensand von Lübars. Zwei weitere Stummfilme folgten im selben Jahr.

Siegeszug mit "Der Schatz im Silbersee"

Doch der Siegeszug Karl Mays in den deutschen Kinos begann erst 1962 mit Pierre Brice als Winnetou in „Der Schatz im Silbersee“. Horst Wendlandt hatte vor seiner Rialto-Zeit für Artur Brauners CCC-Film gearbeitet und sah sich nach dem Erfolg der Filme mit dem Traumpaar Winnetou/Old Shatterhand dessen Vorwurf ausgesetzt, auch er habe doch Karl May verfilmen wollen. Das tat Brauner ja auch bald, allerdings blieben ihm nur die weniger attraktiven Orient-Stoffe um Kara ben Nemsi – bis auf „Old Shatterhand“, wiederum mit Lex Barker als Titelheld und Pierre Brice als Winnetou, doch ging der Film auf keinen bestimmten Roman zurück.

Darin hatte auch ein gewisser Georg Mitic einen ersten Kurzauftritt als tanzender Apache, dem zwei weitere Karl-May-Einsätze in „Winnetou 2“ und „Unter Geiern“ folgten. Der Name war noch eingedeutscht, erst später durfte der aus Jugoslawien stammende Schauspieler Gojko Mitic unter seinem richtigen Namen Karriere machen und zum wichtigsten Indianer-Darsteller der Defa avancieren, zu einer Art Winnetou des Ostens. Im Film durfte er zwar nie den edlen Apachen mimen, wohl aber bei den Karl-May-Festspielen in Bad Segeberg. Und auch bei dem geplanten RTL-Dreiteiler um Winnetou & Co. wird Mitic in einer kleinen Rolle dabei sein.

Der Mann, der Winnetou war
Eine Legende, ein Leben lang. Pierre Brice als Winnetou bei den Karl-May-Festspielen in Elspe, 1982. Der französische Schauspieler starb am Samstag, den 6. Juni 2015, im Alter von 86 Jahren.Weitere Bilder anzeigen
1 von 13Foto: dpa
06.06.2015 12:49Eine Legende, ein Leben lang. Pierre Brice als Winnetou bei den Karl-May-Festspielen in Elspe, 1982. Der französische Schauspieler...

Dafür war auch Pierre Brice als Winnetous Vater Intschu-tschuna angedacht worden, woraus nun, nach seinem Tod, nichts wird. Er war mit seiner Indianerrolle übrigens auch in der DDR populär: Zu Weihnachten 1982 liefen die Winnetou-Trilogie und „Der Schatz im Silbersee“ im DDR-Fernsehen, weitere Filme mit Pierre Brice folgten, bei traumhaften Quoten.

Langjähriger Sympathieträger Frankreichs

Deren Star war selbstverständlich auch nach 1962 oft in Berlin. So verteilte er 1999 am Rande des damaligen Berlin-Marathons in seiner Rolle als Unicef-Botschafter Spendendosen, nahm im selben Jahr ebenfalls in Berlin an der ZDF-Comedy-Show „Lachen tut gut“ teil. Im Folgejahr gab er im Freizeitzentrum Marzahn sein Berliner Bühnendebüt in der Komödie „Indiskret“, und 2002 nahm er in der Wilmersdorfer Kreuzkirche an der Trauerfeier für Horst Wendlandt teil, den Mann, der ihn 40 Jahre zuvor in Berlin entdeckt hatte.

Es folgten 2003 die „Cinema for Peace“-Gala im Schauspielhaus am Gendarmenmarkt, 2004 die Vorstellung seiner Autobiografie im Adlon und 2010 die Verleihung der Goldenen Kamera. Bereits 2007 hatte er vom französischen Botschafter den Orden als Ritter der französischen Ehrenlegion erhalten. Geehrt werde damit, so hieß es damals, „nicht nur ein großer und populärer Schauspieler“, sondern ebenso „ein langjähriger Sympathieträger Frankreichs.“ 2012 schließlich war Pierre Brice Gast des Karl-May-Festivals im Kino Babylon in Mitte. Einmal Indianer, immer Indianer.

» Mehr lesen? Jetzt gratis Tagesspiegel testen!

1 Kommentar

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben