Erinnerungen : Berliner Polizistin erzählt über Trauma nach Schießerei

"Bloß nicht Jürgen", dachte sie, doch da lag Jürgen Röhr schon schwer verletzt im Krankenhaus. Die Polizistin Katrin Röhr spricht erstmals über ihre Erlebnisse nach einer Schießerei, durch die ihr Mann ins Koma fiel.

Wolfgang Schönwald[ddp]
Jürgen und Katrin Röhr
Jürgen und Katrin Röhr. Die beiden haben mit Zuversicht Schicksalsschläge überstanden. -Foto: ddp

BerlinFast 300 Mal hat sie ihren Mann im Berliner Urban-Krankenhaus besucht. Die Erinnerungen sind wie fest gebrannt im Gedächtnis. "Am 86. Tag erwachte Jürgen endlich aus dem Koma. Eine erste Hoffnung nach den Operationen, Komplikationen, Tiefschlägen", erinnert sich Katrin Röhr an die Zeit vor fünf Jahren. Ihr Mann, Polizist, war 2003 mit seinem Funkstreifenwagen zu einer Schießerei nach Kreuzberg gefahren. Wenig später hieß es im Radio: Es gab Tote und Verletzte, darunter auch Polizisten.

Ein Mann hatte am hellichten Tag vor einer Kneipe eine Frau erschossen, anschließend einen zufällig vorbeikommenden Radfahrer schwer verletzt und war geflüchtet. Wenig später stieß der Täter auf zwei Polizisten und feuerte sofort los, bevor er sich selbst richtete.

"Bloß nicht Jürgen", schoss es damals der heute 45-Jährigen durch den Kopf. Sie hatte sich mit ihrem Mann zum Feierabend verabredet, war gerade auf dem Weg zu seiner Dienststelle. Dort traf sie Jürgens Streifenwagenkollegin - völlig in Tränen aufgelöst.

"Ich wusste, mein Mann schafft es!"

Erstmals spricht Katrin Röhr, selbst Polizistin, über die Ereignisse an jenem Tag. "Es ist nicht einfach, diese Wochen in Worte zu fassen", sagt sie. Deshalb stimmte sie vor ein paar Monaten auch dem Angebot zu, das Erlebte für ein Buch aufzuschreiben. "Die Angst ist dein größter Feind - Polizistinnen erzählen" (Piper Verlag) ist dieser Tage erschienen.

"85 Mal telefonierte ich jeden Morgen mit dem Arzt, fuhr nach dem Mittagessen los, um pünktlich zur Besuchszeit auf der Intensivstation zu sein. Ich funktionierte und rotierte wie ein Hamster im Laufrad", blickt die 45-jährige Mutter zweier erwachsener Kinder zurück. "Es war Wahnsinn. Doch ich wusste, mein Mann schafft es."

Ein Arzt hatte von einem Bauchschuss, einem "perforierten Magen und einem abgerissenen Darm" gesprochen. Eine Krankenschwester hatte ihr nach den ersten Operationen auf die Frage nach der Chance des Überlebens gesagt: "Glauben Sie denn an den Weihnachtsmann?"

Röhr trägt jetzt im Dienst eine Schutzweste

Katrin Röhr strahlt die Zuversicht aus, die wichtig ist, um solche Schicksalsschläge zu überstehen: "Ich beruhigte mich in all den Wochen, tröstete häufig noch andere am Telefon." Etwas später fügt Röhr, die 1993 zur Polizei kam, hinzu: "Wir mussten beide erst lernen, dass Jürgen schwerbehindert ist, aber er hat es geschafft - er ist ins Leben zurückgekehrt."

Die beiden Wahlberliner wollen auch andere, die ähnliche Situationen als Polizisten-Familien verarbeiten müssen, unterstützen: "Nach ein paar Jahren hilft dir keiner mehr, hat der Alltag die Ereignisse überholt." Deshalb nehmen sie seit 2005 regelmäßig an Treffen einer polizeilichen Selbsthilfegruppe teil. Ihr Mann, der nun im Ruhestand ist, bietet zudem Kollegen mit "Schusswaffen-Erlebnissen" Hilfe auf seiner Internetseite an. "Mittlerweile bin ich auch stark genug, über das Geschehene zu sprechen", sagt Katrin Röhr, die auch nach jener Tat weiter mit einer Waffe im Dienst unterwegs ist. "Aber stets mit Schutzweste", fügt die Beamtin hinzu.

Neben Katrin Röhr berichten in dem Buch 17 weitere Frauen von ihrer Polizeiarbeit - wie sie Kinder in Not retten, von der Angst, wenn Täter körperlich überlegen sind, von ihrem weiblichen Instinkt, der schon manchen Verbrecher überführte oder Geiselnehmer zur Aufgabe bringen konnte. Die schreibenden Frauen zwischen 25 und 84 Jahren lassen den Leser aus eigenem Erleben wissen, wie gefährlich der Beruf ist. "Das Interesse, etwas aufzuschreiben, war größer als gedacht - insgesamt kamen 50 Beiträge", sagt Uhl, der 2002 das Internetprojekt "Polizei-Poeten" ins Leben rief. "Wir fingen damals mit fünf Schreibern an, heute sind es 170, vor allem Männer." (ho/ddp)

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