Erinnerungen einer Botschaftergattin : Der lange Weg zum Königshof

Aus dem Innenleben deutscher Botschaften im Ausland: Jutta Falke-Ischinger, die Ehefrau des früheren deutschen Botschafters in Washington Wolfgang Ischinger, hat ein Buch geschrieben.

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Bei Hofe. Die Autorin an der Seite ihres Mannes bei Prinz Charles. Foto: Promo
Bei Hofe. Die Autorin an der Seite ihres Mannes bei Prinz Charles. Foto: Promo

Immer Richtung Buckingham Palace – das wäre die einfache Antwort auf die Frage, die Jutta Falke-Ischinger im Titel ihres neuen Buches stellt: „Wo bitte geht’s zur Queen?“ Da die Frau des früheren deutschen Botschafters in Washington (2001 – 2006) und London (bis 2008) aber angetreten ist, „Diplomatische Abenteuer in England und Amerika“ zu beschreiben, fällt die Antwort länger und wesentlich lustiger aus. Das beginnt mit der Fahrt in der königlichen Kutsche und hört bei detaillierten Vorschriften zum Small Talk mit der Königin längst nicht auf.

Wer sich für das Innenleben deutscher Botschaften im Ausland interessiert, sollte dieses Buch (Collection Rolf Heyne, 19,90 Euro) auf keinen Fall verpassen. Es ist mit viel Abstand und unterhaltsamer Selbstironie geschrieben – und beginnt mit dem Ratschlag erfahrener Diplomatengattinnen an die Autorin, sich unbedingt ein Nachmittagskleid zuzulegen. So was sei in ihrem früheren Alltag als Hauptstadtjournalistin nicht vorgekommen, erinnert sie sich. Und bei dem Gedanken, künftig auf Einladungen nach dem „Botschafter der Bundesrepublik Deutschland“ als „Frau Wolfgang Ischinger“ zu firmieren, fällt ihr als erstes ein: „Gut, dass wir nicht verheiratet sind...“ Die Hochzeit lässt nicht allzu lange auf sich warten.

Der Einstieg ins Botschaftsleben hätte kaum dramatischer sein können: „Der 11. September war der erste reguläre Arbeitstag des neuen deutschen Botschafters in Washington.“ Durch die Terrassentür der Botschaft war das brennende Pentagon zu sehen. Die erste Amtshandlung der Frau des neuen Botschafters war keines der von ihr zunächst gefürchteten Ladies Luncheons, sondern der geordnete Rückzug des Hauspersonals in den Keller.

Begegnungen mit Hillary und Bill Clinton, Ted Kennedy oder ganz unvermutet mit der Tochter des früheren Bundeskanzlers Kurt Georg Kiesinger könnte man als Entschädigung betrachten für die Einsätze zum Wohl des Landes, die von einer Diplomatenfrau immer noch erwartet werden. Aber ganz am Schluss in einer kritischen Abrechnung mit den Gepflogenheiten des Auswärtigen Amts wird deutlich, dass die Nachmittagskleider nur die äußere Verwandlung der Journalistin zur Diplomatengattin geschafft haben.

Ein unkonventioneller Zugang zum Diplomatenleben ist der Sympathiewerbung offensichtlich ebenso zuträglich wie der Anekdotensammlung. So beantwortet das Buch nicht nur die Frage, wie langwierig der Weg zur Queen sein kann, sondern auch, was im Bad einer Residenz passiert, wenn der Bundeskanzler zu Besuch ist und für einen TV-Auftritt plötzlich Haarspray braucht.

Der Kontrast zwischen Washington und London gibt Stoff zum Nachdenken über den gegensätzlichen Umgang mit dem Erbe des Puritanismus. In Washington überstieg die Prüderie streckenweise ihr Vorstellungsvermögen. In London war sie überrascht von den Anzüglichkeiten in Tischgesprächen bei offiziellen Anlässen. Das wäre ein schöner Stoff für die von Ulrich Wickert moderierte Diskussion, zu der sich US-Botschafter Philip Murphy und sein britischer Kollege Sir Michael Arthur anlässlich der Buchpräsentation bereit erklärt haben. Elisabeth Binder

Die Buchpräsentation findet statt am 4. Mai, 11 Uhr, im Kulturkaufhaus Dussmann.

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