Erinnerungen vorgelegt : Die wilde Schwermut des Jörg Schönbohm

Der ehemalige Brandenburger Innenminister Jörg Schönbohm legt unter dem Titel „Wilde Schwermut“ seine Lebenserinnerungen vor. Ob als General, Berliner Innensenator oder CDU-Landeschef  – überall provozierte der erklärte Konservative heftige Reaktionen. Hier ein Auszug vorab.

Jörg Schönbohm
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Junger Soldat, junge Armee. Gleich 1957 trat Jörg Schönbohm in die erst zwei Jahre alte Bundeswehr ein.Foto: privat

Als junger Leutnant gewann ich 1960 einen Preis für einen Aufsatz, der von „Freiheit und Gehorsam“ im Hinblick auf das Selbstverständnis des Soldaten handelte. Das Thema lag auf der Hand nach der Niederlage des Dritten Reiches, die in ihrem karthagischen Ausmaß allgegenwärtig war, und nach den schrecklichen Verbrechen von Teilen der SS und der Wehrmacht, die man pauschal dem Prinzip Befehl und Gehorsam zuschrieb. Der ethisch begründete Widerstand im Sinne der Grabinschrift des Johann Friedrich Adolf von der Marwitz (1723–1781), „Wählte Ungnade, wo Gehorsam nicht Ehre brachte“, hat mich immer wieder intensiv beschäftigt. Es hatte gerade auch im Dritten Reich an Beispielen mutiger Befehlsverweigerung nicht gefehlt. Woraufhin haben die Männer des 20. Juli 1944 das Opfer ihres eigenen Lebens auf sich genommen? An die Meinung „der Leute“, „der Medien“ oder an irgendeine öffentliche Stimmung hatten sie sich nicht halten können.

„Der freilich ist am leichtesten einzuschüchtern, der glaubt, dass alles zu Ende sei, wenn man seine flüchtige körperliche Erscheinung auslöscht. Das wissen die neuen Sklavenhalter …“ Dieses Wort Ernst Jüngers, das mein Lehrer Hans Blasczyk 1957 in seiner Abiturrede zitierte, ist mir nicht mehr aus dem Kopf gegangen. Woher aber nimmt man die Bereitschaft, seine „körperliche Erscheinung“ zu opfern? Auch der „Verfassungspatriotismus“ reicht als Motivation nicht aus. Wenn der Mensch sich selbst das höchste Wesen ist, bringt er es im Allgemeinen nur zu einem förmlichen Protest unter Berufung auf eine geschichtliche Entwicklung, die es irgendwann schon richten werde. Die ständige Rede von der „Zivilgesellschaft“ wird uns den existenziellen Ernst des Lebens nicht ersparen; die Diskussion darüber, ob die Bundeswehr in Afghanistan einen „Krieg“ führt oder einen harmlosen „Stabilisierungseinsatz“ absolviert, zeugt davon.

Die Eidesformel der Bundeswehr meint schon mehr. Wer sich verpflichtet, „der Bundesrepublik treu zu dienen und das Recht und die Freiheit des deutschen Volkes tapfer zu verteidigen“, ist zwangsläufig ein Konservativer. Er stellt sich auf den Boden der anthropologischen Tatsache, dass Menschen das verteidigen, was ihr Ein und Alles ist: ihre Familie, ihre Heimat, ihren Glauben. Wir müssen wissen, wofür wir frei sind. Bindungslos können wir wichtige Entscheidungen nicht treffen. Als Bürger und als Soldat braucht man einen Maßstab, der über das Leben hinausgeht, sonst kommen andere und geben ihn vor: Es war die NVA und nicht die Bundeswehr, die in ihre Eidesformel Anfang der sechziger Jahre jenen „unbedingten Gehorsam“ übernahm, der 1934 dem Eid auf Adolf Hitler eingefügt wurde.

Mein Erwachsenwerden fiel nach der Armut auf dem Lande mit der Rückkehr ins bürgerliche Leben zusammen. Mein Vater hatte anfangs sogar die Annahme des Kindergeldes verweigert, weil er meinte, der Staat habe auch kein Geld, und man lasse sich von der öffentlichen Hand ebenso wenig etwas schenken wie von einem Fremden. Der leistungsneutrale Anspruch auf Wohlstand war noch nicht zu einem Menschenrecht aufgerückt. Gerade wir Kinder waren in den Nachkriegsjahren keineswegs unglücklich, und doch hatten wir ganz selbstverständlich die Hoffnung, dass unser Zustand einer vorübergehenden Not geschuldet sei. Wie uns ging es Millionen anderer Deutscher. Die Freude über unsere „Rückkehr“ ins normale Leben hat mich tief geprägt. Die „alte“ Bundesrepublik war im Rückblick eine paradiesisch anmutende Atempause der Weltgeschichte, eine Epoche des Friedens und Wohlstands, an der nun seit immerhin zwanzig Jahren auch die neuen Länder teilhaben. Die weitere Entwicklung von „Spaßgesellschaft“ und Massendemokratie ist in vielerlei Hinsichten über die Wertvorstellungen hinweggegangen, die noch vor wenigen Jahrzehnten prägend waren. Die Freiheit, die meine Eltern und Schwiegereltern über alles schätzten, gilt heute weniger als Gleichheit und soziale Gerechtigkeit. Ohne Freiheit und Schutz des Eigentums gibt es aber keinen wirtschaftlichen Erfolg, und ohne wirtschaftlichen Erfolg keinen Sozialstaat. Allein die Aussicht auf privaten materiellen Erfolg stimuliert die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit und Risikobereitschaft. Die Klügeren unter den Sozialdemokraten haben das immer gewusst und beachtet. Während die Ansprüche an den Wohlfahrtsstaat immer weiter steigen, gerät persönlicher Reichtum zunehmend in die Kritik. Je größer die tatsächlich erreichte Gleichheit, desto skandalöser wirken offenbar verbleibende Reste von Ungleichheit. Das Soziale wird zum Religionsersatz. Auch „meine“ evangelische Kirche wirkt daran mit – in einem Land, in dem kaum jemand hungern oder frieren muss.

Das Glück der Familie wird ersetzt durch das Glück des Einzelnen in zeugungsloser Selbstverwirklichung. Wer die erfüllende Gemeinsamkeit mit Kindern und Enkelkindern kennt, wer erlebt, wie die eigenen Kinder sich durch die Freude und Anteilnahme an ihren Kindern weiterentwickeln, der kann die „Gender“-Diskussionen nicht nachvollziehen, in denen elementare Lebensabläufe als gesellschaftliche „Konstruktionen“ infrage gestellt werden. Dieses Verwerfen tiefster Lebensbedürfnisse führt in die Irre. Diese Verwerfung geschieht ideologisch, aber auch durch grausame Taten.

Ernst Jünger schreibt am Anfang seines Buches „Auf den Marmorklippen“ (1939): „Ihr alle kennt die wilde Schwermut, die uns bei der Erinnerung an Zeiten des Glückes ergreift. Wie unwiderruflich sind sie doch dahin, und unbarmherziger sind wir von ihnen getrennt als durch alle Entfernungen.“ An diese Stelle erinnerte mich die Nachricht von der neunfachen Kindstötung in Brieskow-Finkenheerd, die mich zutiefst aufwühlte. Ich glaube, dass die Mehrheit nicht nur der deutschen Familien mit ihrem Schicksal glücklich und zufrieden ist, und dass es deshalb ehrlicher, wenn auch unspektakulärer ist, eine Lanze für das ganz normale Leben zu brechen. Ich halte diese Form des Lebens sogar für „fortschrittlich“: Das Neue gibt es nur dort, wo auch geboren wird.

Wenn „politisch sein“ heißt, mit dem kritischen Bewusstsein über solche Erfahrungen und Grundbedingungen großzügig hinwegzusehen, sie nicht wertzuschätzen und konservative Ansichten zurückzuhalten, dann bin ich eben „unpolitisch“, wie mir an verschiedenen Stationen meiner Laufbahn bedeutet wurde. Eine Warnung aber hat sich nicht bestätigt: „Damit das klar ist, Schönbohm, ich finde, Sie taugen nicht für die Politik. Sie sind viel zu offen und vertrauensselig.“ Tugenden wie Verlässlichkeit, Pünktlichkeit, Familiensinn, Aufrichtigkeit und Gesetzestreue stehen auch Politikern gut an. Nicht nur der konservative Bürger ist erleichtert, „wenn die Straßenbahnen wieder fahren“, wie man im Winter 1918/19 in Berlin sagte. Unser Leben ist insgesamt bürgerlich im Sinne von Rechtsstaat und öffentlicher Ordnung, Schutz des Eigentums und der Privatheit. Warum also erkennen wir die Bürgerlichkeit nicht als eine erstrebenswerte Lebensform an?

Die moderne Demokratie braucht „konservative“ oder „bürgerliche“ Lebensvorstellungen, wenn sie nicht in Bürgerkrieg oder Anarchie zerfallen soll. Sie braucht Bindemittel und Spielregeln „alter Art“, der sie sich auch offen und selbstbewusst versichern können muss. Nur eine gut erzogene und hochgebildete Elite ist in der Lage, in Politik und Wirtschaft auf internationalem Parkett zu bestehen. Das Ressentiment, mit dem solche Gedanken bei uns bekämpft werden, wirkt andernorts einfach nur kindisch und provinziell. Seit den ersten Pöbeleien, die ich als junger Soldat erlebte, bin ich bei der Friedensbewegung, bei den Hausbesetzern, bei den Nachrüstungs- und Wiedervereinigungsgegnern und merkwürdigerweise auch bei den DDR-Nostalgikern immer wieder auf dieselbe ausgeprägte Feindschaft des humanitären Denkens gestoßen, das den Staat und sein Gewaltmonopol nicht mehr als zivilisatorische Errungenschaft ansieht, sondern als einen Gegner, den man verdächtigen und bekämpfen müsse. In der äußerlich geschützten Bundesrepublik wanderte die Feindschaft „nach innen“. Es wuchs der Konsensdruck, der meinen Widerspruchsgeist zunehmend anachronistisch erscheinen ließ.

In seinen „Betrachtungen eines Unpolitischen“ hatte Thomas Mann noch ein feines Gespür für jene Auswüchse von Demokratie und Massengesellschaft, mit denen sich das humanitäre Denken unglaubwürdig macht. Thomas Mann hatte sich mit seinem Buch, wie er später schrieb, den „Nivellierungstendenzen der heraufkommenden mechanisierten Zivilisation“ entgegengestellt: „Ich kämpfte für ein Deutschland, das ich kannte und liebte, für ein Deutschland, das selbst in der Parvenu-Atmosphäre des Wilheminischen Kaisertums noch gedeihen konnte: eine geistige Haltung, die sich zur Musik, Metaphysik, Psychologie, einer pessimistischen Ethik und einem individualistischen und humanistischen Idealismus bekannte, das politische Element aber geringschätzend ausschied.“ Im Sinne seiner Betrachtungen bezeichne ich mich als einen Politiker, der Politik für die „unpolitische“ Seite des Lebens gemacht hat.

Jörg Schönbohm: Wilde Schwermut – Erinnerungen eines Unpolitischen, Landtverlag, ISBN 979-3-938844-25-0. Abdruck des Nachworts mit freundlicher Erlaubnis des Verlags.

BRANDENBURGER

Jörg Schönbohm wurde 1937 im brandenburgischen Neu Golm geboren und wohnt heute in Kleinmachnow.

MILITÄR

Nach dem Abitur trat er 1957als Offiziersanwärter in die erst zwei Jahre alte Bundeswehr ein. Dort war er zunächst Zugführer eines Panzerartilleriebataillons und Hörsaaloffizier der Heeresoffizierschule Hannover, später Generalstabsoffizier für Gefechtsübungen der Nato.

POLITIKER

In den 80er Jahren arbeitete er abwechselnd als General und in Leitungspositionen im Verteidigungsministerium. 1990 löste er als Befehlshaber des Bundeswehrkommandos Ost zur Wiedervereinigung die Nationale Volksarmee der DDR auf. 1992 wurde er Staatssekretär, 1994 CDU-Mitglied, 1996 Berliner Innensenator und 1999 Innenminister von Brandenburg.

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