Berlin : ERINNERUNGEN

Alexander Schäfer

1971 schickte Michael Steven Cullen eine Postkarte mit dem Reichstagsmotiv an das Ehepaar Christo und Jeanne-Claude, die seit Ende der 50er-Jahre mit verhüllter Kunst auf sich aufmerksam machten. „Wäre das nicht etwas?“ fragte er. Das 24 Jahre später verwirklichte Projekt hat Cullens Erwartungen weit übertroffen. „Seither sehen viele den Reichstag mit anderen, positiveren Augen“, sagt Cullen heute. Unregelmäßigen Kontakt zu dem Künstlerehepaar hat er immer noch; zu Geburtstagen rufe man sich an. „Die euphorische Atmosphäre haben wir in Berlin in den vergangenen zehn Jahren nicht mehr erleben können“, meint Cullen.

Das sieht Wolfgang Schäuble als ehemaliger Verhüllungs-Skeptiker anders. Außergewöhnliche Erlebnisse habe Berlin immer wieder, „denken Sie an den Ökumenischen Kirchentag 2003 oder an das diesjährige Turnfest.“ Die Berliner sollten nicht immer so negativ über ihre Stadt reden. Anfang der Neunzigerjahre hatte Schäuble – wie viele Berliner auch – Zweifel, ob die Verhüllung denn unbedingt ein künftiges Parlamentsgebäude betreffen müsse. Doch als der Reichstag verhüllt war, änderte Schäuble seine Meinung. „Die Stimmung der Menschen und das Kunstwerk haben mich atmosphärisch mehr überzeugt als ,The Gates’“, sagt Schäuble, der sich im Februar in New York das diesjährige Kunstprojekt des Künstlerehepaares angesehen hat. Einen quadratischen silbernen Stofffetzen der Verhüllung hat Wolfgang Schäuble damals auch mitgenommen. „Aber ich könnte nicht sagen, wo der in meiner Wohnung steckt – da müsste gründlich unter meinen vielen Büchern suchen.“

Suchen muss Rita Süssmuth die Verhüllungssouvenirs nicht. Sechs Kunstdrucke vom Reichstag hängen in ihrer Wohnung. Als damalige Bundestagspräsidentin und Verhüllungs-Befürworterin der ersten Stunde leistete Süssmuth viel Überzeugungsarbeit bei den Abgeordneten. „Schön, dass das Projekt keinerlei Aggressionen oder Proteste ausgelöst hatte“, sagt sie. Die Reichstagsverhüllung sei eine eindrucksvolle Verbindung von Kunst und Politik gewesen. Besonders imponiert habe ihr, dass die reflektierende Hülle mit den Tageszeiten die Farbe verändert habe, „mal hellbeige, mal indigoblau.“ Und nicht zu vergessen: „Während der zwei Wochen hatten wir permanant gutes Wetter.“

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