Berlin : Erklären Sie die Melodie

Wenn die „Pop-Splits“ auf Radio Eins kommen, raten manche Hörer eifrig mit. Die Sendung, die in einem Schöneberger Hinterhof hergestellt wird, präsentiert die Geschichte hinter bekannten Liedern

Ariane Bemmer

Als sie irgendwann zusammen saßen und sich etwas Neues fürs Radio überlegten, da kam ihnen die Idee, dass man nach den Geschichten hinter den Liedern suchen sollte. Weil es da was zu entdecken gebe. Und als eigene Sendung gab es so etwas nicht: Wer schrieb warum welches möglichst bekannte Lied? Man wollte „Hörstrukturen aufbrechen“, sagt Frank Bruder. Er ist verantwortlich für die Sendung, deren Name, wie er sich erinnert, schnell gefunden war: „Pop-Splits“. So heißen die Anderthalb-Minuten-Spots, weil das klingt wie Potzblitz – und staunen soll man ja schließlich.

Dreimal täglich laufen die Splits seit Oktober 2002 beim Potsdamer Sender „Radio Eins“. Hergestellt werden sie in einem Hinterhof in der Hauptstraße in Schöneberg. Hier sitzt in einem Gartenhaus die Firma „Der Apparat“, die den Radio-Eins-Moderatoren Volker Wieprecht und Robert Skuppin gehört.

Im ersten Stock hat gerade Michael Pan das Mikrofon abgeschaltet. Der 52-jährige Schauspieler und Synchronsprecher („Elling“, „Asterix“) liest die Texte mit metallischer Stimme und dramatischem Timbre. Die Texte beginnen oft rätselhaft, das erfreut die Hörer draußen am Radio, denn dann können sie mitraten. Pan ist von Beginn an dabei, und darüber ist er froh: „Mir gefiel die Idee sofort, weil sie etwas wirklich Neues war, nichts Kopiertes.“ „Ohne ihn“, sagt Frank Bruder, „wären die Splits nicht geworden, was sie sind.“

Der Beatles-Fan Pan freut sich besonders, wenn er was über seine Band erfahren kann. Was öfter vorkommt. Denn die ist auch bei den Textern beliebt, sagt Bruder. „Weil deren Lieder gut dokumentiert sind.“ Oft ist es anders, wenn die insgesamt zwölf Musikjournalisten und Autoren, die für die „Pop-Splits“ schreiben, die Geheimnisse der Lieder ergründen wollen. Sie suchen im Internet, das nicht immer verlässlich ist, oder in den wenigen Standardwerken zur Song-Genese, darunter „In a da da da vida“ von Hollow Skai.

Einmal hat Frank Bruder eine Geschichte über einen Copyright-Streit zwischen Nirvana und Killing Joke aus dem Programm gestrichen, weil er keine zuverlässigen Informationen gefunden hat. Auch David Bowie habe viel „vernebelt“, sagt der 37-Jährige. Anders war es bei seiner Lieblingsgeschichte: der Geschichte von Stevie Wonders Song „Happy Birthday“. Mit dem wollte der blinde Sänger erreichen, dass der Geburtstag von Martin Luther King, der 15. Januar, zum Feiertag würde. So etwas ähnliches wurde dann später sogar wirklich im US-Kongress beschlossen. Wie es dazu kam, sei von vielen amerikanischen Bürgerrechtsbewegungen gründlich dokumentiert worden.

Seit der ersten Sendung haben die Pop-Splits so viele Fans und Anhänger gefunden, dass die besten Geschichten inzwischen als CD vertrieben werden, im Juni soll außerdem ein Buch mit den interessantesten Geschichten herauskommen. Da kann man dann vielleicht nachlesen, wie aus der Musik eines mittelmäßigen italienischen Sexfilmchens der Muppets-Hit „Mah na mah na“ wurde. Wie es dazu kam, dass die Beatles ein Loblied auf das Waisenhaus „Strawberry Fields“ singen. Oder wie aus einem hingeworfenen Bettlaken die tolle Engtanzschnulze „Nights in White Satin“ wurde.

„Pop-Splits“, die Doppel-CD mit 24 Geschichten und Songs, erschienen bei Universal, das Buch erscheint im Aufbau-Verlag

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