Berlin : Erkundungstour mit Nobelpreisträgern durchs neue Haus

Grass und Kertész zum Auftakt: Das Gebäude der Akademie der Künste wird mit Leben erfüllt

Elisabeth Binder

Draußen legt sich Abenddämmerung auf all die jungen Häuser am Pariser Platz. Im Inneren des allerjüngsten, der Akademie der Künste, spricht Thomas Mann über die „Buddenbrooks“, kokettiert damit, dass er innerlich immer 24 geblieben sei. Er spricht pointiert, mit einem Selbstbewusstsein, das nach ironisch abgefederter Eitelkeit klingt. Gerhart Hauptmann hört sich bedächtiger, bescheidener an, wie er über das Märkische in seinem Stück „Der Biberpelz“ redet. Es riecht nach frischem Holz, nach neuem Stoff, die Fensterscheiben blinken noch. Vor Günter Grass und Imre Kertész kommen an diesem Eröffnungsabend für Freunde der Akademie in Tondokumenten die verstorbenen Nobelpreisträger der Sektion Literatur zu Wort. Verklungene Stimmen in neuen Räumen, Botschaften aus einer anderen Zeit.

In dieser Zeit und in dieser Stadt zu leben, bringt ein großes Privileg mit sich: Man darf sich immer wieder neue Räume erschließen. In die Terrasse im 4. Stock, auf der man fast auf Augenhöhe mit der Quadriga einen Rotwein trinken kann, verlieben sich viele Gäste auf Anhieb. Gegenüber sieht man dem französischen Botschafter fast direkt in den großen Salon hinein. Das neue Berlin wird langsam erwachsen.

Unten gibt es derweil eine Komposition namens „Museumsstücke“ zu hören, „für bewegliche Stimmen und Instrumente in polyphonen Räumen“. Für Mozartfans klingt das ein bisschen wie Katzenmusik, aber vielleicht ist die Assoziation auch nur auf eine Stelle in der Ansprache des Akademie-Präsidenten Adolf Muschg zurückzuführen, in der er ein Katz- und Mausspiel erwähnt hat. Neben der Treppe steht der große Gelehrte Peter Wapnewski und guckt ein bisschen unglücklich oder jedenfalls so, dass man sich erinnert, wie sehr wahre Geistesmenschen Patina brauchen, um sich richtig wohl zu fühlen.

Vorsichtig lehnen sich die Leute über die Stühle an der Brüstung. „Bitte nicht berühren“, steht auf Sitzen und Lehnen. „Mich dürfen Sie berühren“, murmelt der Nachbar. Die Caféteria ist schon früh bevölkert, dort gibt es Stullen aus dunklem, krustigem Brot, wahlweise Kartoffelsuppe. Betont bodenständig.

Als die Türen zum Plenarsaal geöffnet werden, zeigen die Geistesmenschen, wie kräftig sie quetschen können. Alle passen nicht hinein. Günter Grass trägt Gedichte vor. Von Bohnen und Birnen handeln sie, von Askese und Wegzehrung. Danach liest Imre Kertész aus seinem Roman „Liquidation“. Anschließend verteilen sich die Gäste wieder im Haus, auf die rückwärtige Terrasse, versuchen sich in räumlichen Zuordnungen. Was ist noch Akademie, was schon Adlon? Im Lesesaal liegen die Briefe aus, in denen Akademiemitglieder 1933 auf die Repressionen nach der Machtergreifung der Nazis reagierten, Ricarda Huch, Franz Werfel, Käthe Kollwitz, Thomas Mann ... Austritte, Ausschlüsse.

Spät schon, als auch Michael Wertmüllers Schlagzeugkomposition um die Zahl Fünf bereits verklungen ist, sitzen immer noch Leute hoch oben auf der Terrasse und können sich nicht trennen. „Guck mal, Angela Merkels Schlafzimmer“, sagt ein Mann und deutet auf das Kanzleramt. Ein anderer kritisiert die Großzügigkeit der Räume: „Was das kostet ...“ Unter den Tondokumenten der Nobelpreisträger waren auch welche von Hermann Hesse, Samuel Beckett, Heinrich Böll („Vaterlandsliebe ist ein kaputtes Wort ...“) und Elias Canetti.

Hier oben, zwei Etagen über dem Lesesaal mit seinen bedrückenden Briefdokumenten, fühlen sich die Zeiten erstaunlich gut an. Und das nicht nur, weil diese Stadt einen zwingt, sie immer wieder aus neuen Perspektiven zu betrachten.

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