Berlin : Ermessenssache Gewalt

Die Übergriffe an Schulen gehen zurück - Kritiker rügen aber, dass leichtere Fälle nicht gemeldet werden

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Zwei Halbstarke, Freunde eigentlich, aber in der Pause auf dem Schulhof beim kräftemessen. Eine Gruppe von selbst ernannten Wortführern, die eine schüchterne Mitschülerin systematisch fertig macht. Ein Siebzehnjähriger, der Jüngere zwingt, ihm Handys und MP3-Player herauszugeben. Gewalt an der Schule tritt in vielen Formen auf. Welche davon in die offizielle Statistik hinein gehören, darüber diskutieren nun Berliner Schulpolitiker.

Umstritten ist, ob sämtliche Gewaltvorfälle in den Zahlenkolonnen der Bildungsverwaltung landen sollten – oder ob Schulleiter die Freiheit haben sollen, nach pädagogischen Gesichtspunkten zu differenzieren. Am Mittwoch hatte Bildungssenator Jürgen Zöllner (SPD) den so genannten Gewaltpräventionsbericht für das Schuljahr 2009/2010 vorgestellt. Die Anzahl der gemeldeten Vorfälle sank danach gegenüber dem Vorjahr von 1817 auf 1576.

Schon bei der Präsentation sagte Zöllner: „Meldezahlen können immer nur bedingt aussagekräftig sein. Das vorliegende Ergebnis erlaubt daher nur begrenzt eine optimistische Bewertung.“ Dennoch kritisiert die CDU nun die Bildungsverwaltung, und zwar mit Blick auf die Fälle des niedrigsten Gefährdungsgrads I. Für sie gilt die Meldepflicht nur unter bestimmten Voraussetzungen: wenn „die schulinternen pädagogischen Lösungsversuche nicht ausreichen und externe Hilfe bzw. eine Meldung an die Polizei erforderlich ist.“ Oder wenn der Vorfall von „öffentlichem Interesse“ ist.

Beate Stoffers, Sprecherin von Senator Zöllner, sagt: „Die Schulleiter müssen die Möglichkeit haben zu differenzieren, zum Beispiel zwischen einer Rempelei und einer tatsächlichen Schlägerei.“ Ähnlich argumentiert Stoffers hinsichtlich der leichten Fälle von Beleidigung und Sachbeschädigung. Sascha Steuer, bildungspolitischer Sprecher der CDU-Fraktion, kritisiert diese Differenzierung. Er sagt: „Eine Statistik, die nicht die tatsächlichen Gewaltfälle widerspiegelt, ist wertlos.“

Steuer schlägt vor, auch vermeintlich harmlose Fälle in der Statistik aufzuführen: Für diese Fälle könne ja die Kategorie ’Rauferei’ eingeführt werden. Er glaubt zwar nicht, dass schwerwiegende Gewaltvorfälle vertuscht werden. Dennoch vermutet Steuer, dass Direktoren aus Angst um den Ruf ihrer Schule nicht alle tatsächlichen Vorfälle melden.

Dem widerspricht Paul Schuknecht, Vorsitzender der Schulleiter-Vereinigung der Berliner Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW). Er sagt: „Heute gilt es als Qualität einer Schule, offen mit Gewaltproblemen umzugehen.“ Schuknecht glaubt, dass die gemeldeten Gewaltfälle durch eine erfolgreiche Prävention zurückgegangen sind.

Dass die Schulleiter nicht alle Fälle vermeintlicher Gewalt melden müssen, begrüßt er. „Vor allem für männliche Jugendliche gehört es zur Pubertät dazu, sich auch mal zu raufen“, sagt er. Deshalb sei es sinnvoll, den Schulleitern einen Ermessensspielraum zu geben. Einen Fall von echter Schulgewalt sieht Schuknecht immer dann gegeben, wenn einseitig Gewalt ausgeübt wird, also ein klares Täter-Opfer-Verhältnis besteht. Kriterium ist für ihn auch, welches Ausmaß Gewalt annimmt.

Berlin ist das einzige Bundesland, das eine offizielle Statistik zu Gewaltvorfällen an Schulen führt. Im vergangenen Schuljahr meldeten 40 Prozent aller Schulen mindestens einen Gewaltvorfall oder einen Notfall. An der Spitze der Statistik lag mit 41 Prozent die körperliche Gewalt, also Schlägereien und Körperverletzungen. Bei jedem vierten Fall wird beleidigt oder gepöbelt. Karin Christmann

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