Berlin : Ermittlungen: Auf den Spuren bin Ladens

Otto Diederichs

Eine Spur der Attentäter könnte nach Berlin führen. Nachdem am Mittwoch in Hamburg eine Wohnung entdeckt worden war, deren Bewohner mutmaßlich an den Anschlägen auf das World Trade Center und das Pentagon beteiligt waren, sehen Ermittler auch eine Verbindung nach Berlin.

Nach Erkenntnissen des Bundeskriminalamtes soll der im Juni 2001 im spanischen Alicante festgenommene Mohammed Bensakhria, der als mutmaßlicher Europaleiter von Osama Bin Ladens Terrororganisation "Al Queida" gilt, in Berlin konspirative Wohnungen unterhalten haben. Das vermutlich von ihm geführte Kommando war Ende letzten Jahres in Frankfurt am Main von Beamten der Anti-Terror-Einheit GSG-9 festgenommen worden, nachdem der französische Geheimdienst einen entsprechenden Hinweis gegeben hatte. Den Männern wird vorgeworfen, in Straßburg ein Sprengstoffattentat geplant zu haben.

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Osama bin Laden: Amerikas Staatsfeind Nummer 1 gilt als der Hauptverdächtige Von der Berliner Innenverwaltung sind hierzu ebensowenig Auskünfte zu erhalten wie auch zu sonstigen getroffenen Sicherheitsmaßnahmen nach den verheerenden Anschlägen. Es bleibe dabei, dass es derzeit "keine konkreten Hinweise auf eine Gefährdungssituation" in Berlin gebe, sagte die Sprecherin der Innenverwaltung, Svenja Schröder-Lomb.

Aus Polizeikreisen ist allerdings zu hören, man sei personell am Ende. Die Polizei habe keine Reserven mehr. Deshalb sollen schon rund 1500 Polizisten aus Brandenburg in Berlin im Einsatz sein. Die Sprecherin von Innensenator Ehrhart Körting (SPD) bestätigt den Einsatz, will jedoch keine Zahlen nennen. Selbst die gestrige Meldung, der polizeiliche Staatsschutz habe mit einigen Personen, die als potenziell gefährlich gelten, so genannte "Gefährder- und Einflussgespräche" geführt, wollte sie nicht bestätigen. In solchen Gesprächen werden die Betroffenen darauf hingewiesen, dass sie unter Beobachtung der Sicherheitsbehörden stehen. Kaum Auskünfte gibt es auch über die getroffenen Sicherheitsvorkehrungen in den Berliner Haftanstalten. In "einigen einschlägigen Fällen" seien die Maßnahmen für inhaftierte ausländische Terroristen verschärft worden, bestätigte Martin Steltner von der Justizverwaltung lediglich.

Nach Ansicht des Berliner Verfassungsschutzes entwickelt sich die Hauptstadt zu einem Schwerpunkt arabisch-islamischer Bestrebungen in Deutschland. Knapp 6500 Personen rechnen die Verfassungsschützer in ihrem Jahresbericht für das Jahr 2000 extremistischen oder extremistisch beeinflussten Organisationen zu, darunter auch 1145 islamisch-extremistische Araber und Palästinenser. Davon werden circa 50 Personen der konspirativ organisierten Hamas und etwa 150 der von Iran unterstützten Hisbollah-Bewegung zugerechnet. Beide Organisationen seien als "latente Sicherheitsbedrohung" einzuschätzen.

Zudem führten die Ereignisse im Nahen Osten zu einer Radikalisierung. Zunehmend würden Gruppierungen Zulauf erhalten, die die politische Linie von Palästinenserführer Jassir Arafat ablehnten. Aufgrund der vielen potenziellen Anschlagsziele in der Hauptstadt müsse dieses Phänomen daher besonders aufmerksam beobachtet werden. Auch der in Berlin lebende Polizeiexperte und Buchautor Berndt Georg Thamm hält diese beiden Gruppierungen für gefährlich. Noch viel höher sei aber das Gefährlichkeitspotenzial so genannter "freier Mudschaheddin", die keinem zentralen Befehl unterlägen, sich ideologisch aber an der Terrororganisation Bin Ladens orientierten. Ihre Zahl sei "nicht annähernd zu schätzen", mit "Hunderschaften" habe man es aber nicht zu tun. Spuren dieser "Glaubenskrieger" seien in Frankfurt (Main), München, Stuttgart, Karlsruhe, Hamburg und Berlin gefunden worden. Ob und wieviele sich in Berlin aufhielten, könne allerdings niemand sagen.

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