Ermittlungen : Berlin will staatenlosen Straftäter aus Beirut zurück

Ein in Berlin mit Haftbefehl gesuchter Krimineller wurde offenbar mit falschem Pass im Libanon festgenommen. Die Justiz möchte ihn hier vor Gericht stellen. Er gehört einer Großfamilie an, aus der mehrere einschlägig polizeibekannte Männer stammen.

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Noch ist es nicht offiziell, eine Bestätigung aus dem Libanon steht aus. Dennoch spricht viel dafür, dass der seit Wochen gesuchte Ali Abou-C. am Freitag in Beirut festgenommen worden ist. Aus Justizkreisen heißt es, man sei sich sicher, dass es sich bei dem 36-jährigen Mann, der mit gefälschten Papieren in der libanesischen Hauptstadt aufgegriffen wurde, um den in Berlin Gesuchten handelt. Mit der Veröffentlichung von Bildern hatte die Polizei nach Ali Abou-C. gefahndet, der einer gleichnamigen Großfamilie angehört, aus der mehrere einschlägig polizeibekannte Männer stammen.

Abou-C. soll diesen Sommer einen 62-Jährigen bei einem Streit in Neukölln niedergetreten haben. Als der Mann am Boden lag, habe Abou-C. erneut zugetreten, ein Komplize den Betroffenen ins Gesicht geboxt. Mitte Oktober, so die Ermittler, rempelte der Gesuchte einen 37-jährigen Mann in Charlottenburg an, verwickelte ihn in einen Streit und stach ihm ins Gesicht. Anschließend raubte er seinem Opfer Bargeld. Die Berliner Staatsanwaltschaft hatte Haftbefehl gegen Ali Abou-C. erlassen.

Am Montag erklärte der Sprecher der Staatsanwaltschaft, Martin Steltner: „Wir überprüfen, ob der Gesuchte tatsächlich in Beirut sitzt.“ Wie eine etwaige Überstellung ablaufen könnte, ist Sache des Bundesjustizministeriums. Traditionell hat sich der Libanon nicht dagegen gesträubt, in Deutschland gesuchte Verdächtige auszuliefern, zumal Ali Abou-C. hierzulande als staatenlos gilt. Ob die Berliner Behörden in der Vergangenheit versucht hatten, den Mann abzuschieben, war nicht zu erfahren. Zu hören ist, dass man den Verdächtigen in Berlin vor Gericht stellen wolle. Auch CDU-Innenexperte Peter Trapp begrüßt das: „Der Mann hat in Berlin Straftaten begangen und sollte hier verurteilt werden.“

Die inzwischen aufgelöste Ermittlungsgruppe Ident hatte vor Jahren die Identität angeblich Staatenloser recherchiert. Die Sonderermittler konnte einzelnen Männern nachweisen, dass sie türkische Staatsbürger seien. Eine Abschiebung gelang aber nur in Einzelfällen, weil unter anderem die Türkei sich weigerte, die Männer aufzunehmen.

Die Abou-C.-Familie wird zu den kurdisch-arabischen Clans aus der Türkei und dem Libanon gezählt, deren Angehörige teilweise ihre Papiere vernichtet haben sollen, um drohender Abschiebung zu entgehen. Zu den als gefährlich eingestuften Großfamilien sind während des Bürgerkrieges auch palästinensische Flüchtlinge gestoßen. Fast 4000 Angehörige werden in Berlin zu diesem Milieu gezählt. Einige, erklärte Innensenator Ehrhart Körting (SPD) vor wenigen Monaten, spielten im Drogenhandel „in nicht geringer Menge“ eine „tragende Rolle“.

Kürzlich wurde ein anderer Angehöriger der Abou-C.-Familie das 16. Mal ohne Führerschein hinterm Steuer erwischt. Der ebenfalls offiziell Staatenlose werde wegen etwaiger Rotlichtaktivitäten beobachtet und habe „Bezüge zur organisierten Kriminalität“, hieß es aus Justizkreisen. Ein 31-jähriger Verwandter, Mohammed „Momo“ Abou-C., steht wegen des spektakulären Pokerraubes vom Potsdamer Platz vor Gericht.

Im Umfeld der Großfamilien kommt es regelmäßig zu Auseinandersetzungen, auch weil deren junge Männer um Einflusszonen streiten. Erst vor zwei Wochen waren Angehörige zwei bekannter Familien in eine Schießerei in Neukölln verwickelt. Dabei wurde Berlins bekanntester Intensivtäter, der 28-jährige Nidal R., verwundet.

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