Berlin : Ermittlungen gegen 17 Polizisten, die bei brutalem Verbrechen zusahen

HANS TOEPPEN WERNER SCHMIDT

BERLIN .Die Berliner Polizei und die Justiz stehen vor einer Grundsatzdiskussion: Müssen Polizisten sich selbst gefährden, um einen Menschen vor Verbrechern zu retten? Und wie stark müssen sie sich dabei engagieren? Genau 17 Polizisten waren dabei, als am 9.Juni dieses Jahres zwei Männer die 54jährige Wirtin eines Lokals in Prenzlauer Berg zum Krüppel schlugen.20 Minuten lang griff keiner ein - bis die Täter das Haus verliesen.Die Beamten waren nur auf "Eigensicherung" bedacht.Sie hatten "die Hosen voll", wie ein ebenfalls beamteter Kritiker sagt.Der Rechtsanwalt des Opfers will die Justiz jetzt auffordern, einige der Polizisten anzuklagen.Auf das Land Berlin wird eine Schmerzensgeld-Forderung in sechsstelliger Höhe zukommen.

Barbara F., die Wirtin des "Droschkenkutschers" an der Malmöer Straße, kam nach dem Einsatz halbtot ins Krankenhaus.Sie wird wegen ihrer Gehirnverletzungen aus dem Raubüberfall auf Dauer in einer Behinderteneinrichtung leben müssen.Die beiden Männer, die sie zusammenschlugen, stehen vor Gericht.Die Polizisten sind im Amt.

Bisher ist ihnen straf- und zivilrechtlich nichts geschehen.Allerdings schweben seit der Tat Ermittlungsverfahren wegen Verdachts der unterlassenen Hilfeleistung und "Körperverletzung im Amt durch Unterlassen" gegen sie.Das für Mittwoch erwartete Urteil gegen die beiden Verbrecher dürfte auch Fingerzeige geben, wie das Verhalten der Polizisten zu beurteilen ist.

Auf jeden Fall werden sie peinlich genau angeben müssen, wann sie am Tatort waren, was sie gehört, gesehen und gedacht, und was sie entschieden haben.Rechtsanwalt Jörg Tänzer, Nebenklägervertreter, möchte alle jene Beamten auf der Anklagebank sehen, die damals wußten, daß drinnen ein Mensch mißhandelt wurde, während sie draußen auf das SEK warteten.Tänzer gestern zum Tagesspiegel: "Die Beamten waren in allererster Linie auf Eigensicherung bedacht, aber das Gesetz verlangt von Polizisten auch, sich in Gefahr zu begeben, um Bürgern zu helfen".

"Kann ich mich auf die Lauer legen und abwarten?" - das dürfte die Kernfrage in dem Verfahren werden.Die Beamten argumentieren, sie hätten nicht gewußt, wieviele Täter in dem Raum gewesen seien und wie sie bewaffnet waren.Sie hätten sich nicht selbst gefährden wollen.Außerdem war der Einsatz, wie Tänzer meint, chaotisch: Der Einsatzleiterin, einer jungen Obermeisterin, wurde die entscheidende Information vorenthalten, daß von drinnen Schläge und Wimmern gehört worden waren.

Ungeklärt ist auch bis heute, warum die draußen mit schußsicherer Weste bekleideten Polizisten die Verbrecher nicht wenigstens mit Megafon-Durchsagen auf sich aufmerksam machten und damit warnten.Womöglich hätte dies das Opfer vor den schwersten Verletzungen gerettet.Damit werden auch die Dienstanweisungen der Polizei für solche Fälle auf dem Prüfstand stehen - sofern Staatsanwaltschaft und Gericht sie zu sehen bekommen.Der Polizeipräsident hat sie im Verfahren gegen die Polizisten bisher zur Verschlußsache erklärt.

3300 Mark Geldstrafe erhielt vor vier Jahren ein Polizist, der zwei Mörder laufen ließ, weil er gerade mit einem Umzug beschäftigt war.Die Polizei hat sich von ihm getrennt.

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