Berlin : Erna Boeck, geb. 1911

Torsten Hampel

Obwohl sie sich später anders erinnern wird, es war der 24. Juli, ein Dienstag. Neun Uhr und neun Minuten ab Friedrichstraße, paar Minuten später ab Zoo, da ist sie eingestiegen. Mit dem kleinen Koffer aus brauner Vulkanpappe, in den heute ihre Andenken, Fotos, Autogrammkarten, Zigarettenbilder eingepackt sind. Damals lag eine kleine Eisenschippe und ein Taschenbuch darin.

"Zur Olympiade 1928" hieß das Büchlein, die "BZ am Mittag" schenkte es jedem aus der Handvoll Berliner Sportler, die zur deutschen Olympiamannschaft gehörten. Auch Erna Boeck. "Holland, Land und Leute" heißt ein Kapitel, ein kleiner Sprachführer fürs Essenbestellen und Trinkgeldgeben war drin und die "Münzen, Gewichte und Zeitrechnung in Holland" wurden beschrieben. Das ist wichtig gewesen, weil holländische Uhren damals anders tickten. Es galt die Amsterdamer Zeit, die gegenüber der mitteleuropäischen 40 Minuten zurück war, der westeuropäischen dagegen 20 Minuten voraus. Da gerade aber die Amsterdamer Sommerzeit galt, gingen die Uhren dort gegenüber denen Mitteuropas 20 Minuten vor.

Eine Landkarte und ein Amsterdamer Stadtplan sind auch im Buch. Kurz nach halb neun am Abend war Erna Boeck in Amsterdam, weiter ging es nach Zandvoort, wo sie untergebracht war.

Eine Woche später, am 30. Juli, viertel nach zwei am Nachmittag, hat sie sich auf die Aschenbahn im Olympiastadion gekniet und mit ihrer kleinen Eisenschippe zwei Löcher, faustgroß, in die Aschenbahn gekratzt. Füße hineinstellen, wegdrücken aus der Hocke, 12,4 Sekunden später durchs Ziel, persönliche Bestzeit.

Da liefen die Olympischen Spiele schon seit Wochen. Mitte Mai hatte das Hockeyturnier begonnen, Ende Mai der Fußball.

Zwei Stunden nach Erna Boecks Vorlauf, im Zwischenfinale wieder zwölf Komma vier. Fürs Finale qualifiziert. Sie hatte die Form ihres Lebens, sie war 17. So schnell war sie nicht noch einmal. Zwei Mal in der Woche, vielleicht auch drei Mal, hat sie dafür trainiert im Stadion an der Avus, das heute Mommsenstadion heißt. Noch im Jahr vor Olympia hat sie sich bei einem Wettkampf das Wadenbein ausgekugelt, konnte erst 1928 wieder mit dem Laufen anfangen.

Es war aufregend für die Bäckerstochter, die erste Reise mit dem Pass, die vielen Menschen und der Erfolg. Jeder Sportler bekam Tagesprogramme mit den Startzeiten der Wettkämpfe, den Athletennamen und Tabellen, in denen die Stellen frei gelassen waren, die für die Höhen, Weiten, Zeiten reserviert waren. Bei Nummer 22, dem Tagesprogramm vom Eröffnungstag hat Erna Boeck in die Olympischen Ringe die Namen der Erdteile hineingeschrieben.

Endlauf am 31. Juli, kurz nach halb fünf am Nachmittag. Wieder zwei Löcher in die knochenharte Asche graben, die Füße hineindrücken, hinhocken. Der Knall, und die Sache läuft: Das Laufen muss ein Mensch, ein Sportler nicht mehr lernen, dass kann er schon. Es ist ein angeborenes motorisches Grundmuster. Das ist beim Rennradfahren oder Rudern anders. Also ein Grundmuster, Automatik. Der Knall und rennen, und einfach rennen. Mit der Fluchtgeschwindigkeit, die dem Menschen ausgereicht hat zu überleben, obwohl sie recht langsam ist für einen Zweibeiner. Schnell ist Erna Boeck, wenn ihre schnellzuckenden Muskelfasern in den Beinen nicht einfach schnell zucken, sondern sich auch genauso schnell wieder entspannen, bei jedem Schritt. Locker bleiben, so gut es geht, bis in die Gesichtsmuskeln hinein. Das bringt Tempo, sagen die Sportmediziner.

Die ersten dreißig Meter, den Oberkörper hoch bekommen. Die Füße die Schultern einholen lassen. Die Kniestrecker, die Muskeln an der Vorderseite der Oberschenkel, zucken, ziehen, sie lassen die Füße den Vorsprung des Oberkörpers aufholen.

Geschafft, die Strecker haben genug getan, Funktionswechsel. Erna Boeck beschleunigt jetzt mit den Muskeln an der Oberschenkelrückseite, die am Knie beugen, weiter oben an der Hüfte strecken. Nach 60, 70 Metern Höchstgeschwindigkeit. So um die zwölf Meter in der Sekunde. Fliehen, fliehen. Das vegetative Nervensystem, das keiner bewussten Kontrolle unterliegt, befindet sich im Stress, der Puls ist bei 180 Schlägen in der Minute. Das Blut ist voll mit Adrenalin, dem Stresshormon. Dafür sorgen die Hirnanhangsdrüse und die Rinde der Nebenniere schon seit dem Buddeln der Startlöcher.

Am Ende, nach 50 Schritten, das weiße Band. Zwölf Komma zwei, die erste, vor ihr, eine Amerikanerin, Weltrekord, zwölf drei, Kanada, die Zweite, zwölf vier, die Dritte und: Zielrichterentscheid, dann Erna Boeck, dieselbe Zeit, aber die Brust einen Augenschlag später am Zielband. Die Zeitnehmer, mit Stoppuhr in den Händen und hintereinander aufgereiht auf einer Treppe neben dem Ziel, haben es so gesehen.

Erna Boeck fuhr nie wieder zu Olympischen Spielen. Sie heiratete einen Langstreckenläufer brachte eine Tochter zur Welt, ließ sich scheiden. Ging wieder arbeiten, als die Tochter zur Schule kam. Wieder bei Siemens, diesmal aber als Personalsachbearbeiterin. Vor dem Krieg war sie Stenotypistin. Schnellschreiberin. Auch damit gewann sie Preise. Vom Verband für Einheitskurzschrift Groß-Berlin zum Beispiel, 1932. Aus der Olympiakleidung, dem dunkelblauen Blazer, hat sie ihrer Tochter später einen Mantel gemacht. Weil sie das konnte, Schneidern, und weil es nötig war.

Die Tochter hat aus dem Pappkoffer, der in Erna Boecks Charlottenburger Wohnung immer hinter der Wohnzimmertür stand, das Strickzeug herausgeräumt und die Olympia-Andenken hineingetan. Sein Trageriemen aus Leder ist zerrissen.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben