Berlin : Erna Büchel (Geb. 1947)

So viele Möglichkeiten, so viel Freiheit. Und keine Berge

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Berlin kam zur rechten Zeit. Noch mal neu starten, alles auf eine Karte, mit voller Pracht und Wucht und Energie. Es hatte gerade erst begonnen, Eröffnung war im vorletzten September, da platzte mitten in ihre Inszenierung der Tod.

Das Ladenlokal, nicht weit vom Savignyplatz, zugleich Bühne, Werkstatt, Atelier und Restaurant, war Ernas Erfindung, eine Gesamtschau dessen, was sie ausmachte. Kochen hatte sie von ihrer Mutter, einer Italienerin, abgeschaut, das Nähen und Entwerfen bei einer Schneiderin gelernt. Alles Weitere kam von den Menschen, denen sie begegnete, Künstlern und Geschäftsleuten, die sie mit offenen Armen empfing. Denn das Empfangen fiel ihr leicht, sie war Gastgeberin, Regisseurin großer Feste und Tafeln, ein blonder Wirbelwind, ohne im Wirbeln den Boden unter den Füßen zu verlieren. An einer großen Tafel saß man bei ihr zusammen, lernte sich kennen oder kannte sich, und Erna kochte, egal, ob für 10 oder 100 Leute.

Zum „Persischen Abend“ im Juni drapierte sie rote Rosen an die Bühnenwand, gerahmt von roter Seide. Tänzer traten auf, im weißen Anzug mit goldenem Saum oder eingehüllt in hauchdünne Tuchschleppen. Dazu servierte sie persische Kreationen nach Art des Hauses und Wein in schweren Kristallgläsern. Die Tänzer nahmen anschließend an der Tafel Platz. Sie inszenierte einen Märchenabend zu 1001 Nacht, eine Dracula-Soiree mit Rote-Bete-Kompott und eine Zeitreise in die Stummfilmära.

Für Berlin, die Off- und Hochkultur- Stadt, war das verspielte Repertoire eher ungewöhnlich, mehr Ku’dammtheater als Volksbühne, die Presse hielt Distanz, aber ein Publikum fand sich allemal.

Erna Büchel wurde in Stans, Kanton Nidwalden, geboren. Nach ihrer Schneiderausbildung arbeitete sie in Florenz als Directrice in einem Modeatelier. Danach übernahm sie ein Gasthaus in Stans, wurde Vorsitzende der Sozialdemokratischen Partei Nidwalden und belieferte die ortsansässige Märchenbühne mit Kostümen. Später kochte sie für die Gäste der Expo Schweiz. Nicht 10, nicht 100, 1000 Mäuler galt es zu verwöhnen.

Als ihre Kinder erwachsen wurden, verließ sie ihren Ehemann. Das hatte sie ihm gleich zu Anfang der Beziehung angekündigt. Mit einem Lächeln natürlich, liebevoll; das muss ihr Mann fälschlich als Ironie interpretiert haben. Nach gewissen Zeiträumen, vielleicht zehn Jahre, probierte sie gerne etwas Neues aus. Wenn ihr zwischendurch langweilig wurde, musste es auch mal schneller gehen.

Ägypten war eine willkommene Abwechslung. Für ein Hotel auf einer Insel im Nil kümmerte sie sich um die Benimm-Ausbildung des Personals. Vor einem Kellner mit chronisch offenem Hemdknopf fiel sie auf die Knie, um ihn zu erweichen, das Knopfloch doch bitte zu schließen, sonst würde sie ihren Job verlieren.

Im Gegensatz zu Kairo fand sie Heidelberg schrecklich langweilig. Dort hatte ihr neuer Partner sein Domizil. Ein gemachtes Nest, komplett eingerichtet. Ihr Schöpfungsdrang lag danieder. Das ging nicht lange gut.

Im gegenseitigen Einvernehmen wurde Österreich als neue Kreativbasis erwählt. Ein ausbaufähiges Bauernhaus im Burgenland. Erna gestaltete die Räume, nähte Ballkleider für Wiener Damen und stattete ein Musical aus. Besonders gefiel ihr, dass das Burgenland ohne Berge auskommt, die den Horizont verstellen.

Ihr bevorzugter Speisekammerlieferant wurde das Feinkosthaus Pöhl am Wiener Naschmarkt. Den Mitinhaber Johannes Lingenhel fragte sie eines Tages unumwunden: „Kann man Sie mal zum Essen einladen?“ So erweiterte sie ihren Freundeskreis um viele interessante Leute. Manchmal setzte sie sich einfach zu jemandem auf die Bank und begann ein Gespräch.

Nach zehn Jahren war das Bauernhaus saniert und eingerichtet, langsam drohte es, wieder fad zu werden in ihrem Leben. Da saßen sie zusammen, Erna und ihr Partner, und sannen nach. Starnberger See? Auf keinen Fall! Berlin? Ja, das wäre was, an Berlin hatte sie schon mehrfach gedacht.

Noch mal neu anfangen, Gleichgesinnte finden, Künstler engagieren, Speisekarten entwerfen, Kostüme nähen, wenn’s terminlich brennt, die ganze Nacht hindurch. Und war die Naht des nachts schief geraten, trennte sie den Umhang halt noch mal auf. So viele Möglichkeiten, so viel Freiheit. Und keine Berge.

Um die Zukunft mögen sich andere sorgen. Sie wusste, dass er unvermutet und schnell kommen würde, der Tod. Sie war sich sicher, wie damals, als sie ihrem Mann sagte, dass sie ihn später verlassen werde. Ein Aneurysma an der Aorta platzte. Thomas Loy

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