Berlin : Erna Sabelus (Geb. 1914)

„Ich bezahl doch nicht für Kaffee und Kuchen!“

Veronika de Haas

Zucht und Ordnung herrschte im Haus des Stationsvorstehers Mundt am Stettiner Oberwiek. Schlechte Zensuren und andere Frechheiten wurden mit Prügel geahndet. Der Vater versprach: „Wenn du einen Kerl anbringst, schlag ich dich windelweich.“ Neben Gehorsam, Sittlichkeit und Fleiß legte er Wert auf Sparsamkeit, gemeinsames Volksliedersingen am Abend und den sonntäglichen Kirchgang.

Das Leben war kein Zuckerschlecken, doch Erna ließ sich die Laune nicht verderben. Jeden Sonntag ging sie in die Kirche und zusätzlich zur Bibelstunde – ganz nach dem Geschmack des Vaters, der ja nicht ahnte, dass die Hauptattraktion der Bibelstunde darin bestand, dass Mädchen und Jungen zugleich daran teilnehmen konnten. Hier lernte die 20-jährige Erna den 26-jährigen Willy kennen.

Willy Sabelus war sanftmütig und belesen, Textilkaufmann von Beruf. Aus Furcht vor ihrem Vater begleitete er Erna nie ganz bis nach Hause. Als er später aus Tilsit, wo er in Anstellung war, lange Briefe an sein „heißgeliebtes, süßes Ernalein“ schrieb und vom gemeinsamen Urlaub und von Küssen träumte, waren das bereits erlaubte Wünsche. Mit mütterlicher Vermittlung war Ernas Vater vorsichtig unterrichtet worden. Er stimmte auch der Eheschließung zu, allerdings sollten sie dafür Ostpreußen verlassen: „Das hier holt sich alles irgendwann der Russe.“ Erna heiratete deshalb ihren Willy 1937 in Berlin.

Das junge Eheleben wurde bilderbuchhaft eingerichtet. Eine Beletage in der Stephanstraße war gemietet worden, Erna hatte ihre Arbeit als Kontoristin aufgegeben und einen Opel Kadett gekauft und zehn Monate nach der Hochzeit kam Udo auf die Welt.

Der Krieg entzog Willy dem Idyll, Erna fand sich im Mai 1945 mit nun zwei Kindern bei Anklam wieder. Schnellstmöglich machte sie sich auf, zurück nach Moabit. Wer wusste schon, wann Willy wiederkam? Und wer konnte es sich schon leisten, nur zu warten? Das Leben ging ja weiter. Erna versetzte das Tafelsilber, erkämpfte ein Pachtgrundstück in Dreilinden, legte den Kindern, Udo und Magrit, heiße Kastanien ins Bett, damit sie nachts nicht froren. Und sie nutzte die Zeit für kleine amouröse Abenteuer. Solange, bis ein Liebhaber ihr den Opel gegen Falschgeld wegtauschte und Willy aus der Gefangenschaft heimkehrte.

Das Familienleben fand zurück in seinen Rhythmus, in dem Genügsamkeit Gesetz und Schmalhans Küchenmeister war. Schon auf der Hochzeitsreise hatte Erna den egoistischen Charakterzug ihres Mannes erleben müssen: Da hatte er sie im Hotelzimmer sitzen lassen, weil er nur für ein Eis Geld ausgeben mochte. Als Willy jetzt bei Telefunken anfing, legte er ihr wöchentlich 7,50 Mark Haushaltsgeld auf den Nachttisch. Das reichte für die abendlichen Sanellastullen für sie und die Kinder; inzwischen waren es drei. Willy aß im Herrenzimmer Butterbrot und Knackwürste. Auch wenn sie es verstand, aus wenig viel zu machen – das mondäne Leben, von dem Erna manchmal träumte, sah anders aus. Es war auch nicht so dunkel wie ihre Wohnung, in der Willy nur wenn Besuch kam die Glühbirnen in die Kronenleuchter drehte. Ernas Luxus erschöpfte sich daher im modischen Wettkampf mit der Schwägerin. Stolz wie ein Pfau präsentierte sie als Erste von beiden einen Persianerpelz beim Kirchgang.

Den hatte sie Willy immerhin aus dem Kreuz leiern können. In Hartnäckigkeit war sie schließlich geschult, der Alltag verlangte es nicht anders. Erst hatte sie jeden Tag für die Lebensmittel kämpfen müssen, später brauchte Udo Sprecherziehung und der jüngste Sohn, Detlef eine teure ärztliche Spezialbehandlung, weil er einfach aufhörte zu wachsen. Und als Willy nach einer Nierenerkrankung degradiert worden war, musste sie ein ernstes Wort mit seinem Chef sprechen.

Für andere tat Erna alles. Der Familie und den vielen Gästen buk sie virtuos Erdbeerkuchen, Frankfurter Kränze oder Bienenstich, von ihrem kleinen Verkäuferinnengehalt, das sie ab Mitte der sechziger Jahre bezog, steckte sie den Kindern Salamiecken und Taschengeld zu. Als die dann erwachsen waren, engagierte sie sich ehrenamtlich in der Altenhilfe.

Sich selbst gegenüber konnte sie nicht großzügig sein. Sie lief kilometerweit durch Berlin, um das Geld für den Bus zu sparen. Bei Ausflügen nervte sie Freunde und Verwandte, weil sie sich weigerte, ein Restaurant zu betreten: „Ich bezahl doch nicht für Kaffee und Kuchen!“ Sie trocknete das Rouladengarn, um es noch mal zu benutzen. Willy hatte vielleicht für so etwas Verständnis, aber der starb zehn Jahre vor ihr.

„Der Beste der Welt war mein Mann“, pflegte Erna fortan zu berichten. Jetzt, wo er nicht mehr da war, konzentrierte sie sich auf die verbleibenden Vergnügen: Reis, Tee aus Apfelschalen, die tägliche Fahrt mit dem Fährschiff über den Wannsee und: André Rieu. Aber an ihren Willy kam auch der niemals heran. Veronika de Haas

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