Berlin : Ernst Baier, geb. 1905

Esther Kogelboom

Das Eis macht ihm rote Wangen. Sein Herz klopft wild, an der Hand hält er ein strahlendes, blondes Mädchen mit kindlichem Gesicht. Als Ernst Baier und Maxi Herber bei den Olympischen Winterspielen in Garmisch-Partenkirchen gewinnen, ist er 31, sie 16 Jahre alt. Die Arena jubelt, Goldmedaille für Deutschland. Null Fehler. Die gleitenden Bewegungen, die Sprünge, die Hebefiguren - perfekt, wie am Reißbrett konstruiert. Die Musik - harmonisch. Maxi, das Mädchen - überglücklich. Er, der gelernte Architekt, auch.

Adolf Hitler nennt ihn "den Exerziermeister auf dem Eis". Doch das interessiert Ernst Baier nicht. Er ist unpolitisch. Der gebürtige Zittauer in der engen Hose, der Anzugjacke und dem quergestreiften Schlips will nur Eis laufen und sich feiern lassen. Er trainiert täglich bis zur Erschöpfung. Alles andere ist ihm gleichgültig. Nur das blonde Ding an seiner Seite, das kunstseidene Mädchen auf dem Kunsteis, das will er. Einmal gibt es nach einer Meisterschaft ein Abendessen, zu dem Hitler eingeladen hatte. Maxi sitzt neben ihm. Ernst Baier tritt vor den "Führer" und sagt: Die Maxi muss jetzt leider gehen, es ist schon spät, und morgen früh ist Schaulaufen.

Eine heiß-kalte Liebe, 1940 wird in Berlin geheiratet. In den Wirren der letzten Kriegstage beschließen Ernst und Maxi, gemeinsam aus Berlin zu fliehen. Am 28. Juni 1945 kommen Maxi und Ernst Baier in Garmisch-Partenkirchen an. Ein neues Zuhause, ein Anfang. Ernst Baier will so schnell wie möglich wieder Eis tanzen. Die Amerikaner sind begeistert: Ein bisschen Glamour kann der deutschen Moral nicht schaden, findet einer und gibt den Befehl zur Pirouette. Weihnachten 1945 tanzt das weltberühmte Paar in dem kaputten Garmischer Stadion.

Maxi und Ernst Baier sind auch die ersten deutschen Sportler, die eine Reiseerlaubnis bekommen. 1948 fahren sie zum Schaulaufen nach Arosa. Das Publikum ist begeistert, alles beginnt nochmal von vorn. Ernst Baier gewinnt insgesamt 52 Medaillen, sein Name steht für Perfektion, Disziplin, Ästhetik. Das spiegelglatte Eis unter seinen Kufen wird zur Projektionsfläche für die Sehnsucht nach Harmonie und Unverletzbarkeit und Wir-sind-wieder-wer. Zu Beginn der 50er Jahre gründet das Paar ein Eislauf-Ensemble. Ein Farbfilm, "Der bunte Traum", wird gedreht, Vico Torriani und Anneliese Rothenberger singen dazu.

Seit Ende der vierziger Jahre nimmt Ernst Baier nicht mehr an Wettkämpfen teil. Er will die Welt sehen. Was gäbe es auch sonst noch zu erreichen? Das Paar bekommt drei Kinder, Nicki, Eva und Alexander. Dann brechen die beiden nochmal auf, nach Südamerika, veranstalten mit einem Ensemble große Eisrevuen in Argentinien. Ein Riesenaufwand: Die Kostüme müssen bezahlt werden, das Zelt, die Technik, die Eisläufer. Ernst Baier übernimmt sich. 1963 kauft "Holiday on Ice" den größten Anteil des Unternehmens. Nun kommt die Schau auch nach Europa.

Noch im selben Jahr, am 31. August, passiert während eines Gastspiels in Duisburg die Katastrophe. Das Revuezelt steht in Flammen. Pleite. Der Eistraum ist vorbei - und bald beginnt ein neuer: Ernst Baier flirtet mit der bildschönen schwedischen Eisläuferin Birgitta und heiratet sie. Kurz zuvor hatte er sich von Maxi scheiden lassen. Doch bald wird der neue Liebestraum zum Albtraum: Baiers zweite Frau trinkt und nimmt Tabletten. Wieder Scheidung. Das gemeinsame Kind bleibt bei Ernst Baier, der ein Lebemann bleibt, ein Charmeur, ein Eistänzer, dem niemand seine Jahre ansieht.

So wird ihm 1970 auf einem Faschingsball in Garmisch die sehr viel jüngere Christel vorgestellt. Baier bewegt sich noch immer in guten Kreisen. Und er bewegt sich gut. Die beiden tanzen die ganze Nacht, Christel ist hingerissen von der jugendlichen Art des 65-Jährigen, von dem Schwung, der in seinen Knochen steckt. Ernst Baier ist spontan, liebenswert, ehrlich. Wieder ein neuer Anfang. Er heiratet zum dritten Mal.

1981 sieht Ernst Baier sich selbst im Fernsehen zu, da läuft er übers Eis, der Achtzigjährige. Es ist nur ein kleiner Auftritt. Er ist entsetzt und schämt sich. "Das soll ich sein?", fragt er - und beschließt, seine Schlittschuhe nie wieder anzuziehen. Trotzdem bleibt er bis ins hohe Alter ein Sportler. Ernst Baier wird Golfer, unternimmt viele Reisen zu den Golfwiesen Europas. Seine Frau spornt er an: Christel, du bist noch nicht gut genug für den Platz. Er ist auch egoistisch, ein kleiner Despot. Es gibt viel Streit, aber nie ohne Versöhnung.

Zu seinem 90. Geburtstag erscheint in Garmisch alles, was in der Eislaufwelt Rang und Namen hat. Baier ist und bleibt ein Vorbild. Bis zu seinem Oberschenkelhalsbruch im Frühjahr diesen Jahres hüpft der mehrfache Weltmeister jeden Morgen nach dem Aufstehen eine halbe Stunde auf seinem Privat-Trampolin. Er rappelt sich wieder auf, dann geht es ihm schlechter, sein Herz wird schwach. Anfang Juli kommt er ins Krankenhaus. Ernst Baier, der Atheist, ist unruhig, redet, ruft Freunde an, diskutiert nächtelang mit einem Pater, hat wahnsinnige Angst vor dem Verlust seiner Würde. Den Tod stellt er sich wie Fallen vor. Und zu fallen, das war für den Schlittschuhläufer das Schlimmste.

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