Ernte in Berlin : Ein trockener Jahrgang

Dem Berliner Wein hat die Hitze nicht zugesetzt – eher im Gegenteil. Äpfel hingegen gibt es in Brandenburg weniger als im Vorjahr. Sie schmecken trotzdem.

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Die sommerliche Hitze hat bei Berlins Reben der Fäulnis vorgebeugt.
Die sommerliche Hitze hat bei Berlins Reben der Fäulnis vorgebeugt.Foto: Seeger/dpa

Der Hauptstadtwinzer prüft die dunkle Traube, drückt ihren Saft auf das zigarrenförmige Werkzeug, hält den „Refraktometer“ wie ein Fernrohr gen Himmel und sagt: „Ich brauch’ noch mehr Mostgewicht.“ An dem Gerät liest er den Zuckergehalt der Trauben ab. Weniger als 80 Oechsle sind es, wie es im Winzerjargon heißt. Deshalb heißt es warten. Zwei bis drei Wochen noch, je nachdem wie sehr die Sonne den Kreuzberg verwöhnt und wann die 350 Stöcke Spätburgunder und Riesling reif sind für die Weinlese.

Aber schon jetzt sagt Daniel Mayer über sich und den Jahrgang: „Der Hauptstadtwinzer ist zufrieden.“ Jetzt gilt es nur noch, den richtigen Zeitpunkt für die Lese abzupassen, wenn die Trauben süß genug sind, aber auch rechtzeitig, bevor die Wespen und Vögel zugreifen. Aber wie steht es eigentlich mit dem Obst und Gemüse aus der Region in diesen spätsommerlichen Erntetagen, wo sich die frischen Früchte fast schon im Wochentakt abwechseln und die Berliner ihren Vitaminvorrat für den Winter auffüllen sollten? Hat die Trockenheit die Ernte verhagelt oder der Frost im Mai?

Dem Berliner Wein hat die Hitze nicht zugesetzt, sondern im Gegenteil der Fäulnis vorgebeugt, die bei regenreichen Sommern droht. Deshalb wird es wie in den vergangenen knapp 500 Jahren, seitdem der Johanniterorden Berlin die ersten acht Weinstöcke schenkte, wieder einen guten Tropfen Kreuzberger Auslese geben. Süße heimische Weintrauben gibt es seit einigen Wochen auch in den Läden, und wer sucht, entdeckt vielleicht auch Brandenburger Reben. Aus Töplitz kommt sogar ein biozertifizierter Wein, andere werden den Werderaner Wachtelberg bevorzugen. Viel gibt es nicht, Brandenburgs Anbaugebiet umfasst nur 30 Hektar.

Sorge könnte Freunden frischer Kost diese Meldung vom Statistischen Landesamt bereiten: Brandenburgs Obstbauern rechnen mit einem Viertel weniger Äpfeln als im Vorjahr, 22.500 Tonnen statt 28.900. Der Blütenfrost im Mai hat den Bäumen zugesetzt, die Hitzewelle hatte zum Zeitpunkt der Befragung nicht einmal eingesetzt. Aber Thomas Troegl vom Landesamt gibt Entwarnung: Dramatisch sei die Einbuße nicht, das vergangene Jahr schrieb nämlich Rekorde, aber auch in diesem Jahr wird der Ertrag der Apfelernte um ein Viertel über dem sechsjährigen Durchschnitt liegen.

Die frühen Augustäpfel sind recht klein geraten

Am Geschmack gibt es schon gar nichts auszusetzen: Der „Delbar“ aus der Apfelgalerie in Schönebergs Goltzstraße ist herrlich schmackhaft und knackig. Auch den „Apollo“ und ein paar „Grafensteiner“ gibt es noch. Ende nächster Woche soll der Pirol kommen, noch so ein „schöner Frühapfel“, sagt Ladeninhaberin Caty Schernus. Später folgt dann der Kassenschlager „Elstar“, der erste Lagerapfel. Der hält sich im Keller über den Winter im Gegensatz zu Frühäpfeln. Auch der „All-Time-Favorite“ kommt bald: der Pinova. Die frühen Augustäpfel dieses Jahres sind aber eher klein geraten, heißt es im Laden, Hitze und Trockenheit haben ihnen doch zugesetzt.

Hauptstadtwinzer Daniel Mayer.
Hauptstadtwinzer Daniel Mayer.Foto: Ralf Schönball

In den Regalen liegen außerdem leuchtend-rote Tomaten und grüne Gurken aus dem Oderbruch. Überhaupt ist es eine wunderbare Jahreszeit für Liebhaber von regionalem Obst und Gemüse: Pflaumen gibt es bereits seit Wochen, Mirabellen, Blaubeeren und rote Johannisbeeren außerdem. Es folgen die Kirschen, süß oder sauer. Thomas Bröcker, Sprecher des Brandenburgischen Obstverbandes, spricht von einer „normalen Erntemenge“. Nur die Birnen bereiten ihm Sorge, weil der Feuerbrand wütet, eine bakterielle Krankheit, die seit drei Jahren die Ernte dezimiert.

Dafür gibt es mehr Süßkirschen, weil die Bauern sie im Direktverkauf gut absetzen können. Angesagt zurzeit ist Beerenobst. Vor allem die Spargelbetriebe bauen Beeren gerne als Ergänzung an, weil die einen im Frühjahr kommen, die anderen im Spätsommer. Deshalb gibt es auch genug „Aronia“ für alle: Die Apfelbeere gehört eigentlich zu den Rosengewächsen und stammt aus Nordamerika. Viele Vitamine (K und C), Flavonoid- und Folsäure machen sie beliebt unter Naturheilkundlern, zumal dem Fruchtextrakt sogar Wirkung im Kampf gegen den Krebs nachgewiesen worden sein soll. Bröcker hat Aronia schon in den 1970er Jahren in Russland geerntet, die damals nur als Lebensmittelfarbe diente.

Die Freilandtomaten haben vom guten Sommer profitiert

Wer regionales Gemüse aus Freilandanbau schätzt, darf sich auf köstliche Tomaten freuen: „Die haben von dem guten Sommer profitiert“, sagt Christian Heymann vom „Speisegut“ in Gatow. Dafür habe die Trockenheit der Kartoffelernte dezimiert. „Man merkt deutlich die Klimaerwärmung“, sagt Heymann, der aber als Freilandbauer von dieser profitiert: Die Kürbissaat habe er noch im Juli ausgebracht, und die Herbstmonate bis zum Oktober seien nunmehr günstig für das Wachstum des Gemüses. Denn das gedeiht, so lange der Boden nicht weniger als acht Grad warm ist. Sogar Honigmelone und die modische Kapstachelbeere Physalis baut Heymann an, 40 Kulturen und 80 Sorten. Rotkohl und Weißkohl kommen noch im Herbst und natürlich Kürbis. Trotz der Einbußen bei den Kartoffeln sei es ein gutes Jahr gewesen.

Der Chef des Gartenbauverbandes Berlin-Brandenburg Andreas Jende bestätigt das: „Weil wir ohnehin Bewässern, sind die Ausfälle nicht so groß wie in der klassischen Landwirtschaft“, sagt er. Mehr als die Hitze mache den Betrieben der Mindestlohn zu schaffen: Deshalb seien die Kosten um zehn Prozent gestiegen, und diese könnten die Bauern nicht durch höhere Preise am Markt wieder hereinholen. Sauerkirschen, Möhren und viele Kräuter ließen sich nicht mehr kostendeckend anbauen. Der Anbau insgesamt sei um 20 Prozent verringert worden. So verliert die Region weitere Marktanteile gegenüber Gefilden, die außerdem noch vom Wetter stärker verwöhnt werden: Spanien, Italien – und sogar der Niederrhein. Fern sind die Zeiten, als der Oderbruch die Speisekammer Berlins war.

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