Erotikmesse Venus in Berlin : Sex smells

In Charlottenburg hat die 17. Venus-Erotikmesse eröffnet. 32 000 Menschen werden erwartet. Zwischen Dildos, barbusigen Frauen, Bondage-Band und viel Silikon findet man dabei auch Menschen, die Liebe suchen. Ein Rundgang.

Moritz Herrmann
Auf der Venus gibt es nicht nur Pumps und nackte Haut zu sehen. An jeder Ecke lauert hier Erotik mit dem Vorschlaghammer. Foto: DAVIDS
Auf der Venus gibt es nicht nur Pumps und nackte Haut zu sehen. An jeder Ecke lauert hier Erotik mit dem Vorschlaghammer.Foto: DAVIDS

Nicht mal der Boss ist dieser Branche heilig! Lothar B. steht mit verschränkten Armen vor dem Filmposter für „Porn in the USA“, er schüttelt den Kopf, es gibt auch Grenzen und wenn sich ein Sexstreifen bei Bruce Springsteen den Titel borgt, ist eine Grenze überschritten. „Hören Sie mal ...“, setzt Lothar an, aber die kapitänsmützetragende Hostess spricht nur Englisch. Lothars Klage läuft ins Leere und er deshalb weiter, vorbei an Lack und Leder und Penispumpen, vorbei an Dildos, Liebesschaukeln und Fußfesseln, vorbei an dem Bondage-Band, 18 Meter für 4 Euro. In Halle 20 riecht es nach Gleitgelparfümgemisch, und an den Ständen klatschen, kichern, kaufen die Leute. Sex sells, Sex smells auf der 17. Venus am ZOB, Europas größer Erotikmesse.

„Alles ganz normale Bekloppte“

„Eigentlich sind das alles ganz normale Bekloppte hier“, sagt Lothar. Er will sich da gar nicht ausnehmen. Zwei Ehen kaputt, die letzte war besonders miserabel, sagt der EDV-Spezialist aus Brandenburg, 52 Jahre alt und hier ohne Nachname, sein Arbeitgeber soll nicht wissen, dass er die Venus besucht. Wieso ist er hier? „Lustig, was hier an Volk so zusammenkommt. Die Jungs da zum Beispiel!“ Zwei Cowboys, als solche nur noch am Hut zu erkennen, schlendern vorbei, eine Dame mit guten Verbindungen in die silikonverarbeitende Industrie folgt ihnen. Lothar lässt seine Kamera blitzen. Klick und ab zur Tanzshow, die ein Moderator brüllend bewirbt: „Kommt ran, nicht so schüchtern, scharfe Kurven schauen.“

Besonders kreativ muss man auf der Venusmesse nicht sein, um Zuschauer zu locken, nur besonders laut. Die Konkurrenz um Blicke ist brutal. Vorschlaghammererotik. Eine Mittdreißigerin strippt sich die Dessous in Minutenschnelle vom Körper, der Mikrofonmann ruft: „Standing Ovations für unsere geile Maus“ – und, sich an einen Rollstuhlfahrer richtend: „Du kannst ruhig sitzen bleiben, Kumpel!“ Lothar lacht ein wenig mit, beinahe schamhaft, er fällt schon auf in diesem Publikum, mit seiner Designerbrille und dem Trenchcoat.

Ein Liebessucher auf der Venus

Neben ihm: giggelnde Studenten, den vierten Caipirinha in der Hand, und ein tribaltätowierter Riese im Feinripp. Venus, das ist mittlerweile ein generationenübergreifendes, milieuübergreifendes Event. Ein Tagesticket kostet 28, eine Dauerkarte für alle vier Tage 60 Euro. Lothar B. hat Ersteres gekauft, obwohl er lieber zu Letzterem gegriffen hätte. „An einem Tag kriegt man das alles nicht erfasst.“ Vier Hallen befüllt die Venus, plus Fetish Area im Palais, aber da hat sich Lothar noch nicht hineingetraut, erst mal ein Hot Dog auf den leeren Magen, die ständige Schamlosigkeit, die Dauerbeschallung mit Obszönitäten, das macht hungrig. „Meine letzte Beziehung liegt schon etwas zurück, also ich wär’ bereit für was Neues, aber mich muss sie eben nehmen, wie ich bin.“ Und er ist: ein bisschen resigniert, grauhaarig, nicht pervers, das betont er, nur experimentierfreudig im Bett. Ein Liebessucher auf der Venus. An Besucherinnen herrscht allerdings Mangel.

Viele Vorurteile über Leute, die eine Erotikmesse besuchen

Lothar ist nicht wegen der Branchenprofis hier, nicht wegen Xania Wet, Lena Nitro oder Mia Magma, die auf dem Starwalk auftreten, Lothar ist gekommen, um sich die Produkte anzuschauen und, wenn es sich ergibt, mit anderen Singles zu plaudern. „Ich glaube nicht, dass ich damit alleine stehe. Es gibt einfach zu viele Vorurteile über Leute, die eine Erotikmesse besuchen.“ Lothar fährt durch seinen Dreitagebart. Vielleicht, überlegt er, kauft er morgen doch wieder ein Ticket. Dann könnte er auch noch mal zum Stand gehen, der den von ihm bewunderten Bruce Springsteen verunglimpft hat, und da das Gespräch suchen. Porn in the USA, also wirklich, Frechheit. „Na, immerhin, mein Lieblingslied ist ja Jungleland.“

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