Berlin : Erpresser kam mit Bewährung davon Arbeitsloser fälschte 93 000 Rechnungen

Der ergraute Mann druckte und verpackte im Akkord – 16 Stunden am Tag, getrieben von einem Gedanken: „Ich werde es euch zeigen!“ Seinem Chef, der ihn kurz vor dem 55. Geburtstag und nach 35 Jahren in der Versicherungsbranche rausgeworfen hatte. Seiner Ehefrau, die ihn nach 30 Jahren verlassen hatte. Allen. „Es sollte etwas passieren in meinem Leben“, sagte Manfred U. gestern vor dem Amtsgericht. Also entschied er sich, Fernsehgebühren zu erpressen.

Gelassen sprach der heute 60-jährige Neuköllner über seine „fixe Idee“. Anfang 2006 meinte er, eine „Lücke“ im Gebührendschungel entdeckt zu haben. Er gründete eine Firma, investierte seine Abfindung und verschickte schließlich kurz vor der Fußball-WM 93 000 Briefe mit „Turnusrechnungen“, in denen er eine Jahresgebühr von 78 Euro für den TV-Satellitenempfang forderte. Er drohte darin mit Abschaltung, wenn nicht innerhalb von zwei Wochen gezahlt werde.

Der Erpresser hatte eine einfache, aber lukrative Rechnung aufgestellt: Wenn um die 60 000 Adressaten auf den Schwindel reinfallen, wäre er vierfacher Millionär. Mit einem Mietwagen und einem Koffer voller Geld unter dem Beifahrersitz wollte er dann in die Schweiz fahren. Er wäre „kurzzeitig in eine VIP-Welt eingetaucht“. Und für den Fall des Scheiterns hatte er einkalkuliert: „Dann sammele ich eben Gefängniserfahrung.“

Manfred U. flog nach wenigen Tagen auf. Die Bank sperrte seine Konten. Die 100 Opfer, die tatsächlich gezahlt hatten, bekamen ihr Geld sofort zurück. Verhandelt wurden nun 200 Fälle – beispielhaft. „Ich war völlig aus der Spur“, erklärte der Angeklagte. U. habe wahnhaft gehandelt, sagte sein Verteidiger. „Um bei den damaligen Lebensumständen von Herrn U. sauer und wütend zu werden, braucht man keine psychische Erkrankung“, gab dagegen eine Gutachterin zu Protokoll. Das Gericht verhängte 21 Monate Haft auf Bewährung. K. G.

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