Berlin : Ersatz für den Suchtautomatismus Entzug und Entwöhnung bei Alkoholkranken

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Welche Rolle spielt die Rehabilitation bei der Therapie von Alkoholkranken?

Das deutsches System ist in eine Entzugs- und in eine Entwöhnungsbehandlung getrennt. Erstere dauert meist sieben Tage und findet im Krankenhaus statt. Dort geht es um die physische Seite der Sucht. Zum einen wird der Organismus entgiftet, und zum anderen werden mögliche Organschäden durch den Alkohol therapiert. In der anschließenden Entwöhnungsbehandlung – das ist im Bereich der Sucht die Rehabilitation – geht es um die seelische Gesundung, die Fähigkeit, ohne Drogen zu leben. Um eine Heilung im engeren Sinne geht es nicht. „Sucht ist keine Frage des Willens, sondern eine chronische psychische Erkrankung, bei der die Kontrollfähigkeit der Betroffenen immer mehr eingeschränkt wird“, sagt Johannes Lindenmeyer, Direktor der Salus-Klinik Lindow, die in der Region die meisten Alkoholkranken stationär rehabilitiert. Ein Suchtkranker kann ein Leben lang immer wieder ein plötzliches Verlangen nach Alkohol spüren, er müsse lernen, diesen Automatismus der Sucht im Gehirn durch positive Gewohnheiten zu ersetzen. Für langzeitarbeitslose Suchtkranke besteht die Möglichkeit, sich im Anschluss an die Entwöhnung in eine Adaptionseinrichtung (diese beteiligen sich ebenfalls am Rehaführer) zu begeben, in der die berufliche Wiedereingliederung im Vordergrund steht.

Wie gut funktioniert das in Deutschland?

Die Erfolgsquoten im Vergleich zu anderen Industriestaaten seien sehr gut, sagt Lindenmeyer. Während zum Beispiel in den USA nur 30 bis 35 Prozent der behandelten Alkoholiker trocken blieben, liege die Quote in Deutschland bei 50 Prozent – wobei kleinere Rückfälle von nur wenigen Tagen binnen eines Jahres dazu zählen. Ein ganzes Jahr komplett abstinent bleiben aber immerhin noch 39 Prozent.

Hängt die Rückfallquote davon ab, ob jemand zur Entwöhnung gezwungen wird?

Die Annahme, dass der Behandlungserfolg bei einer freiwilligen Entwöhnung höher sei, sei weit verbreitet, aber falsch, sagt Klinikchef Lindenmeyer. „Entscheidend ist, mit der Behandlung anzufangen. Der Anstoß dafür ist letztlich egal.“ Die schwierigste Phase der Behandlung liegt am Anfang. „Da ist das Rückfallrisiko am höchsten“, sagt Lindenmeyer.

Was geschieht bei der Entwöhnung?

Diese besteht vor allem aus psychotherapeutischer Betreuung. Dabei geht es zum Beispiel darum, das Selbstwertgefühl der Betroffenen zu steigern, aber auch darum, sich selbst die Abhängigkeit einzugestehen. Hinzu kommen Ergo-, Arbeits- und Sporttherapie (siehe Gerätecheck auf der Seite 29) und weitere Angebote.

Sind die Entwöhnungskliniken „geschlossene Anstalten“?

Nein. Jeder könne das Haus jederzeit verlassen, sagt Salus-Chef Lindenmeyer. „Wir können und wollen niemanden gegen seinen Willen festhalten.“ Aber selbstverständlich gebe es Regeln und bei Verstößen dagegen auch Sanktionen. Denn die Abhängigen sollen lernen, ihr Leben selbst zu managen. So müssen die Suchtkranken in der Entwöhnung regelmäßigen Atemalkohol- oder Urinproben abgeben, um zu prüfen, ob sie noch abstinent sind. „Allerdings führt ein Rückfall nur dann zu einer disziplinarischen Entlassung, wenn sich keine therapeutische Basis mehr findet“, sagt Lindenmeyer.

Wer zahlt die Entwöhnungsbehandlungen?

Die Deutsche Rentenversicherung. „Eine stationäre Entwöhnung dauert in der Regel drei bis vier Monate bei einem Tagessatz von etwa 120 Euro“, sagt Lindenmeyer. Doch das rechne sich für die Gesellschaft, „wenn der Alkoholkranke wieder zurück ins Leben findet, durch einen Job sogar wieder Sozialbeiträge zahlen kann, statt auf Hartz IV angewiesen zu sein.“ Ein automatisches Anrecht auf eine Entwöhnung gibt es aber nicht. Die Rentenversicherung prüft zum Beispiel, wie lange der Antragsteller Rentenbeiträge eingezahlt hat, wie die Prognose für die Behandlung aussieht oder ob und wie oft zuvor Entwöhnungen bezahlt wurden. Nach der Genehmigung dauere es meist mehrere Wochen, bis ein Platz in einer Entwöhnungsklinik zur Verfügung stehe, sagt Lindenmeyer. Das sei einer der Nachteile, denn in der Überbrückungsphase ohne Betreuung könne es zu Rückfällen kommen.

Ambulant oder stationär – was ist besser?

Das hängt davon ab, wie stabil das soziale Umfeld eines Betroffenen ist und wie hoch das Schadensrisiko bei einem Rückfall, sagt Lindenmeyer. Nur stationär sei eine Rund-um-die-Uhr-Betreuung möglich, außerdem sei hier die Abbruchquote geringer. Eine stationäre Behandlung sei besonders bei den Abhängigen von Vorteil, bei denen andere psychische Störungen hinzukommen. Bei motivierten Suchtkranken, die in ein stabiles Umfeld wie der Familie eingebettet seien, sei eine ambulante Entwöhnung aber eine gute Alternative. Ingo Bach

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