Berlin : Erschossen, ertrunken, verblutet

Die Zahl der Mauertoten ist immer noch nicht klar – manches Opfer des Grenzregimes kam auch aus dem Westen

Werner van Bebber

Fast achtzehn Jahre nach dem Fall der Mauer gibt es noch immer Diskussionen über die Anzahl der Opfer des DDR-Grenzregimes. In Berlin und dem Umland kamen zwischen 1961 und 1989 133 Menschen an der Mauer um. Das jedenfalls sagen die Fachleute des Potsdamer Zentrums für Zeithistorische Forschung und des Vereins Berliner Mauer. Wesentlich mehr Opfer hat, wie berichtet, die Arbeitsgemeinschaft 13. August, gezählt. Deren Vorsitzende Alexandra Hildebrandt spricht von 231 Todesopfern im Berliner Raum.

Während man bei der Arbeitsgemeinschaft steigende Opferzahlen für möglich hält, sagt der Potsdamer Historiker Hans-Hermann Hertle, „nach menschlichem Ermessen“ sei die Liste der Berliner Maueropfer vollständig. Dass zu den 133 Namen neue hinzukommen, hält Hertle für „wenig wahrscheinlich“. Dennoch ist vieles noch aufzuklären. Wenig bekannt sind etwa die aus dem Westen der Stadt stammenden Todesopfer. Etwa 20 Personen nennt die Dokumentation des Potsdamer Forschungsinstituts, die aus dem Westen kamen und durch Kugeln aus dem Osten starben – oder deshalb, weil ihnen etwa im Wasser der Spree niemand half.

Darunter waren Fluchthelfer und andere Menschen, die beim wütenden Protest gegen Mauer und DDR-Regime versehentlich auf den Todesstreifen gerieten. Siegfried Noffke zum Beispiel starb einen typischen Fluchthelfertod: Er grub 1962 mit anderen einen Tunnel durch die Kreuzberger Erde unter der Mauer durch. Als die Männer aus dem Westen im Keller eines Hauses im Osten ankamen, wartete die Stasi – die Fluchthelfer waren verraten worden. Noffke starb im Juni 1962 mit 22 Jahren.

Berührend auch das Schicksal von Adolf Philipp. Er kam 1963 als Zwanzigjähriger nach West-Berlin, interessierte sich für alles, was mit der Teilung zu tun hatte. Im Mai 1964 durchschnitt er den Grenzzaun in Staaken – warum er das tat, weiß niemand – und begab sich auf das DDR-Territorium. Ein Grenzer erschoss ihn.

Die Brutalität des DDR-Grenzregimes, die Gefährlichkeit der Mauer war spätestens seit 1961 bekannt – und doch riskierten immer wieder Menschen ihr Leben, indem sie im DDR-Hoheitsgewässer schwimmen gingen. Paul Stretz, 31 Jahre alt, wollte sich im April 1966 an einem warmen Tag etwas erfrischen. Er war mit Kollegen unterwegs, hatte den Zahltag gefeiert – und stieg allen Warnungen zum Trotz in Höhe des Invalidenfriedhofs in den Spandauer Schifffahrtskanal. Aus 150 Metern Entfernung erschoss ihn ein Grenzer – der Kanal gehörte zum Ost-Berliner Hoheitsgebiet.

Es sind meistens noch heute makaber anmutende Umstände, bei denen Westler an der Mauer ums Leben kamen. Mindestens zweimal waren es verwirrte Männer, die vom Westen in den Osten gerieten – und dort ihr Leben verloren. Anders verhielt es sich mit dem West-Berliner Dieter Beilig. Er hatte seit dem Mauerbau gegen das Grenzregime protestiert. Er hatte in DDR-Gefängnissen gesessen und doch immer weiter gemacht mit dem Kampf gegen die Mauer. Einmal kletterte er am Brandenburger Tor auf die Mauer und sprang in den Osten. Er wurde festgenommen und – vermutlich bei einem Fluchtversuch – erschossen. Noch brutaler als bei solchen Hinrichtungen zeigte sich das Grenzregime, wenn Kinder ins Wasser fielen. Das geschah mehrfach am Gröbenufer in Kreuzberg. Mindestens drei kleine Jungen starben nach einem Sturz in die Spree, weil ihnen vom Westen aus niemand helfen durfte, und die Grenzer im Osten untätig blieben. (Seite 1 und 10)

In der Kapelle der Versöhnung findet am heutigen Montag um 10.30 Uhr eine Gedenkandacht zum 46. Jahrestag des Mauerbaus statt. Der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit will um 11 Uhr an der Gedenkstätte Berliner Mauer einen Kranz niederlegen. Um 12 Uhr will er einen Kranz am Peter-Fechter-Mahnmal in der Zimmerstraße niederlegen.

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