Berlin : Erschreckendes Durcheinander

Brigitte Grunert über die Sprache der Politiker

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Wie dieser Tage in der Zeitung zu lesen war, sind die Sicherheitsbehörden entsetzt, weil öffentlich bekannt wurde, dass die Bundesregierung Lösegeld für die entführte Susanne Osthoff gezahlt hat und diese nach ihrer Freilassung einen Teil des Lösegeldes bei sich hatte. „Ich war erschreckt“, versicherte ein Fachmann.

Man glaubt ihm gern, dass er erschrocken war, aber erschreckt war er gewiss nicht. Der Experte hat sich nur verheddert. Manche Verben sind eben schrecklich kompliziert. Wegen ihrer doppelten Bedeutung werden sie unterschiedlich konjugiert. Da geraten die Formen leicht durcheinander.

Überhaupt ist es erschreckend, mit welcher Selbstverständlichkeit sprachlich fehlerhafte Aussagen in direkter Rede in die Welt gesetzt werden, auch solche von Politikern. Sie stehen in Gänsefüßchen und fertig.

Doch ein Zitat ist ein Zitat, nicht wahr. Wer wagt es schon, es stillschweigend zu verbessern, rein sprachlich natürlich. So gewöhnt man sich eben an Schnitzer und hält schließlich falsches Deutsch für richtiges Deutsch.

Es ist ein Unterschied, ob jemand in Schrecken gerät oder in Schrecken versetzt wird. Folglich hängt die Art der Konjugation von der jeweiligen Bedeutung ab.

Im Sinne von „in Schrecken geraten“ muss das Verb unregelmäßig gebeugt werden: Ich erschrecke, du erschrickst, er erschrickt, sie erschrak, er ist/war erschrocken. Erschrick nicht! Erschreckt nicht! Erschrecken Sie nicht! Ist die zweite Bedeutung gemeint, wird das Verb regelmäßig gebeugt: erschrecken – erschreckte – erschreckt. Die heftigen Vorwürfe erschreckten den Politiker. Sie haben ihn erschreckt. Deshalb war er erschrocken. Was hat meine Gegner bewogen, mich so zu erschrecken, fragte er sich.

Bewegen ist ja auch so ein Verb, bei dem man aufpassen muss. Die Vorwürfe bewegten ihn (im Sinne einer Gefühlsregung), aber sie bewogen ihn (veranlassten ihn) zur Selbstverteidigung. Und wer sich bewegt, verändert seine Lage.

Umgangssprachlich hört man ständig, dass sich jemand erschreckt, dass er sich erschreckte oder sich erschrak, sich erschreckt hat oder sich erschrocken hat. Da haben wir es, das heillose Durcheinander, das regelwidrige.

Man kann es allerdings leicht vermeiden. Auf Hochdeutsch gibt es nämlich, wie die Grammatik lehrt, gar kein reflexives Verb „sich erschrecken“; es gilt immer noch als unkorrekt.

Doch wir haben es mit Gleichgültigkeit und mit dem Hang zur Vereinfachung zu tun. Es gibt unregelmäßige Verben, die mittlerweile zumindest teilweise regelmäßig gebeugt werden. Der alte Bäcker buk das Brot, der junge backte es, gebacken haben sie es gemeinsam.

Aber wer weiß, womöglich erschrickt eines Tages ja auch niemand mehr, wenn sich jemand erschreckt oder erschreckt war.

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