Berlin : „Erst Biotop, dann Metropole – aber immer frei“

Die Pet Shop Boys gelten seit 20 Jahren als Berlin-Fans. Am kommenden Montag treten sie wieder auf

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Sie gelten als Berlin-Fans. Wie lange haben Sie diese Leidenschaft schon?

NEIL TENNANT: Wir kommen seit zwanzig Jahren immer wieder her.

Was hat Sie damals so fasziniert an Berlin?

CHRIS LOWE: Die Mauer, die geteilte Stadt. Wir gingen gleich am Checkpoint Charlie rüber. Das kam uns richtig gefährlich vor.

Mögen Sie eher das alte West-Berlin von David Bowie und Iggy Pop oder mehr das vereinigte Berlin von Moby und Paul van Dyk?

LOWE: Das Berlin von Christopher Isherwood.

Die zwanziger Jahre, „Cabaret“ und all das. Der britische Schriftsteller Isherwood gilt ja als Ikone der schwulen Szene in Berlin.

TENNANT: Was wir an Berlin mögen, das hat schon Christopher Isherwood geschätzt: Die Stadt wirkt so frei auf uns. Isherwood hat hier gelebt und mochte die sexuelle Freiheit. Später fühlte sich Bowie von dieser merkwürdigen Enklave West-Berlin angezogen. Alles war hier möglich, eine Art Biotop. Dann wurde über Nacht aus dem Biotop eine Metropole. Aber Berlin ist immer noch frei. Wissen Sie, hier in Deutschland haben Sie weniger Videoüberwachung als anderswo in Europa. Vor allem als bei uns in Großbritannien.

Ist Ihr Land etwa kein freies Land?

TENNANT: Großbritannien ist tolerant, aber es wird auch immer gleichförmiger. Eine gleichförmige Toleranz wird propagiert. Es gibt diese Message: Wir haben euch im Auge! Überall bekommst du gesagt: Wir sind euch entgegengekommen, jetzt seid hübsch brav und treibt es nicht zu weit. Das gefällt mir gar nicht.

Was macht Berlin für Sie nach zwanzig Jahren immer noch so spannend?

TENNANT: Berlin ist einzigartig unter den großen Städten der Welt. Hier hat jedes Gebäude eine politische Bedeutung. Das hier wurde vom Kaiser gebaut, das hier war eine Behörde unter Hitler, das hier hat mit der DDR zu tun, und das hier entstand in den neunziger Jahren nach der Vereinigung. Das ist sehr interessant. Gleichzeitig ist Berlin eine sehr junge Stadt. Es ist ja als Metropole noch nicht einmal so alt wie New York. Berlin erfindet sich immer wieder neu.

Gehen Sie in bestimmte Clubs in Berlin?

LOWE: Meistens im Osten. Aber es gab da auch diesen Club im Westen, am Kurfürstendamm. Er war früher eher altbacken und wurde erst später trendy.

Das „Big Eden“.

LOWE: Da hat es mir sehr gefallen.

TENNANT: Ich liebe Berlin im Sommer. Es ist eine magische Stadt. Die vielen Bars an den Kanälen, die Parks. Ich liebe vor allem den Tiergarten. Rufus Wainwright hat jetzt sogar ein Lied „Tiergarten“ genannt.

Sie waren kürzlich mit ihm in der Stadt.

TENNANT: Ich habe gerade Rufus’ neues Album produziert. Er hat einen großen Teil davon in den alten DDR-Studios aufgenommen.

Sie meinen das Studio in der Nalepastraße.

TENNANT: Dieses Gebäude ist riesig und wirkt leicht baufällig. Es stehen überall diese alten Apparate herum. Überall Knöpfe und Regler. Es gab dort auch einen sehr interessanten Sound. Vor allem für das Klavier. Rufus war einen ganzen Monat da, ich eine Woche. Es war verblüffend für mich. Als ob die alten Geister sich dort gehalten hätten.

Jetzt sind Sie wieder zu einem Konzert in der Stadt. Gibt es in Berlin ein spezielles Publikum?

TENNANT: Als wir Anfang der neunziger Jahre in Berlin spielten, war die Szene von vielen schwarzen Lederjacken geprägt, diese ganze Einstürzende-Neubauten-Szene. Denen waren die Pet Shop Boys viel zu sehr Pop. Wir sind immer noch Pop. Doch die Szene hat sich verändert. Als wir Ende der Neunziger hier waren, mochten uns die Leute, und es war so, als ob sie uns schon immer gemocht haben.

Wie ist das in anderen Städten? Wie war es auf den bisherigen Stationen Ihrer Welttournee?

TENNANT: In Buenos Aires ist das Publikum total ausgeflippt, vom Anfang bis zum Ende der Show. Als wir „Go West“ gespielt haben, haben alle mitgegrölt (grölt die Melodie). Es war wie beim Fußball. Berauschend!

Chris, Sie stehen immer völlig reglos hinter Ihrem Keyboard. Hätten Sie in solchen Momenten nicht gern eine E-Gitarre, um damit auch einmal so richtig aus sich herauszugehen?

LOWE: Es ist tatsächlich etwas schwierig, Energie und Enthusiasmus hinter den Keyboards zu zeigen.

Sie könnten sich ein Keyboard umhängen, wie früher der Keyboarder von Nena.

LOWE: Oder wie der von Marilyn Manson. Er hat ein Keyboard auf einem biegbaren Gestell. Nein, nein, die Tasteninstrumente sind ein wunderbarer Ort, um mich zu verstecken. Sie sind meine Sicherheitszone. Mit der Gitarre müsste ich ja auf der Bühne herumlaufen, dem Bassisten was ins Ohr sagen, solche Sachen.

Nennen Sie bitte weitere Unterscheidungsmerkmale in Ihrer weltweiten Fan-Typologie.

TENNANT: In Mexiko City hatten wir ein auffallend junges Publikum. In Los Angeles spielten wir vor einer großen schwulen Gemeinde. Das ist in Amerika generell bei uns eher so.

Und wie sind die Fans in Deutschland generell?

TENNANT: Oft sehr cool. In einigen Städten gehen sie stärker mit. Der Osten geht mehr mit. Es kommt bei solchen Vergleichen aber immer auch darauf an, ob man sein eigenes Konzert spielt oder auf einem Festival auftritt. Beim Festival fragt man sich: Sind die Leute wirklich gekommen, um uns zu sehen? Festivals sind wie Gladiatorenkämpfe. Wenn man gut ankommt, ist das sehr befriedigend.

Sie spielen selten auf Festivals in Deutschland. Im letzten Jahr sind Sie zum ersten Mal bei „Melt“ in Sachsen-Anhalt aufgetreten. Warum machen Sie sich rar?

TENNANT: Es gab ja früher auch nicht so viele Festivals in Deutschland. Es gab doch fast nur „Rock am Ring“.

Das große Festival am Nürburgring.

TENNANT: Bei „Rock am Ring“ durften wir nicht auftreten, weil wir keine Rockband sind (lacht).

Das klingt sehr streng. Hat man Ihnen noch andere Auftritte verboten?

TENNANT: Wir durften nicht ins Fernsehen zu „Wetten dass..?“, weil wir keine Superstars sind.

Sie machen Witze.

TENNANT: Nein, das hat unsere Plattenfirma EMI uns damals so gesagt. Das war in den achtziger Jahren: Ihr dürft da nicht auftreten, das ist was für Superstars wie Tina Turner und Elton John. Und wir sagten uns: Okay, wir sind keine Superstars.

Und jetzt?

TENNANT: Nein, nein, wir sind nur Stars (lacht). 1988 haben wir in Deutschland einen Schallplattenpreis bekommen. Im Fernsehen habe ich dann gesagt: Ich bedanke mich auch bei allen Fans in Ostdeutschland. Daraufhin hat uns das ostdeutsche Fernsehen eingeladen, in einer seiner Sendungen aufzutreten, irgendwas mit „Kessel“.

„Ein Kessel Buntes“. Man könnte sagen, das war das „Wetten dass..?“ der DDR.

LOWE: Na also, wir waren doch Superstars! In Ostdeutschland!

TENNANT: Wir sind dann allerdings erst nach dem Mauerfall beim „Kessel Buntes“ aufgetreten.

Sie sagten, die Fans in der alten Bundesrepublik verhielten sich anders als die in den neuen Ländern. Sie können also Osten und Westen immer noch ganz gut unterscheiden?

TENNANT (denkt lange nach, spricht mit Bedacht): Ich glaube schon. Andererseits – manchmal sieht man den Unterschied noch, manchmal nicht mehr. Dann fragen wir uns: Ist das jetzt Osten hier oder Westen. Wir waren zweimal innerhalb weniger Jahre in Weimar, Goethes Stadt. Es ist an solchen Orten schon bemerkenswert, wie schnell sich alles verändert hat. Wie wohlhabend alles wirkt in unseren Augen.

Sie scheinen sich sehr für Ostdeutschland zu interessieren. Haben Sie schon „Das Leben der Anderen“ gesehen?

TENNANT: Den Film haben wir auf unserer Tour in Sydney gesehen. Ein brillanter Film. Er zeigt uns das Leben der Menschen unter diesem Regime, all die Komplikationen. Aber es ist auch ein Thriller. Exzellent.

Das Interview führte Markus Hesselmann. Das komplette Gespräch gibt es im Internet: www.tagesspiegel.de/themen.

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