Berlin : Erst kommen die Möbelwagen, dann die Probleme

Wenn ein Kiez kippt: In einigen Spandauer Quartieren ist ansatzweise zu spüren, was in Neukölln-Nord oder dem Soldiner Kiez in Wedding längst Realität ist

Werner van Bebber

Die Symptome sind deutlich in einigen Spandauer Quartieren. Wenn es in Teilen der Wilhelmstadt, des Falkenhagener Feldes oder der Neustadt so weiter geht, werden sich dort auf mittlerer Sicht Verhältnisse wie in Neukölln-Nord einstellen: wachsende Kriminalität, Spannungen zwischen Alteingesessenen und Zuwanderern, raue Sitten auf der Straße, und die Polizei macht die sozialen Aufräumarbeiten. So geht es in Teilen von Neukölln oder Wedding oder Tiergarten seit Jahren. Das Quartiersmanagement hat die Verslummungstendenzen mancher Kieze bremsen, aber nicht stoppen können.

Zuerst merken es nur die Vermieter: In der Umgebung sinken die Mieten. Wer vermieten will, muss auch Mieter nehmen, denen das Sozialamt die Wohnung bezahlt. Dann macht wegen sinkender Kaufkraft der eine oder andere Laden zu. Stattdessen eröffnen Schnäppchen-Shops und Imbisse. Die Polizei spürt an der veränderten Kriminalstatistik, dass in einem Kiez die Probleme größer geworden sind: mehr häusliche Gewalt, mehr Körperverletzungen, mehr Ruhestörungen und ähnliches sind die Symptome, die zeigen, dass es den Leuten in einem Kiez nicht gut geht.

In den Problemkiezen funktioniert Integration kaum und Prävention nur begrenzt. Für Neukölln-Nord, neben dem Soldiner Kiez in Wedding das wohl schwierigste Berliner Quartier, erwarten Polizisten der Direktion 5 in den kommenden Jahren eine „Machtverschiebung“ zugunsten einiger krimineller arabischer Großfamilien. Das kann nicht allein zu mehr Straftaten auf der Grundlage organisierter Kriminalität führen, sondern auch zu wachsenden Ansprüchen der Großfamilien, Konflikte unter sich und nach eigenen Regeln zu lösen. Was wiederum zur Folge haben kann, dass sich Jugendliche noch weniger auf die Regeln und Anforderungen einer liberalen Gesellschaft einlassen und zum Beispiel alteingesessene Neuköllner noch mehr Schwierigkeiten mit den Einwanderern bekommen.

Zwischen Neukölln und Spandau liegen, stadtentwicklungspolitisch gesehen, dreißig Jahre. In Spandau sind Entwicklungen nur zu erahnen, vor denen viele Neuköllner kapituliert haben. Der Bezirk im Westen war viele Jahre eine Gegend, in der man von den schwierigen Entwicklungen in den ärmeren Innenstadtbezirken nichts mitbekam. Das ist vorbei. Noch haben es die Polizisten mit Delikten zu tun, die typisch sind für den Niedergang bürgerlicher Wohnviertel, mit häuslicher Gewalt, mit Einbrüchen in Keller und Autos, mit Betäubungsmittel-Kriminalität unter Jugendlichen. Spandau, das betonen Polizisten, die sich im Bezirk auskennen, steht erst am Anfang einer Abwärtsbewegung. Man dürfe die Entwicklung nicht schlimmer reden, als sie ist, sagen sie. Die Straftaten seien von ihrer Anzahl her bedenklich, aber nicht wegen ihrer Intensität.

Zwei Entwicklungen sind den Polizisten an den sozialen Brennpunkten aufgefallen: In Spandau leben heute erheblich mehr Migranten und erheblich mehr Sozialhilfeempfänger als zu Wendezeiten. Im Umgang mit manchen Zuwanderern machen nun auch Spandauer Polizisten die Erfahrung, dass zum Beispiel russlanddeutsche Männer „Schwierigkeiten mit der Anerkennung von Autoritäten“ hätten, wie ein Abschnittsleiter sagt. Und wenn es in den wärmeren Monaten Schwierigkeiten mit Jugendlichen in den Parks gibt, dann machen zwei Polizisten als Vertreter der Ordnungsmacht längst keinen großen Eindruck mehr: Ein Funkwagen „reicht da nicht“.

Was die Sozialhilfeempfänger anbelangt: Einige fallen durch zu viel Bier oder Schnaps zu frühen Tageszeiten und durch zu hohe Prügelbereitschaft gegen Frau und Kinder auf. Christiane Hirschfelder, Präventionsfachfrau im Spandauer Abschnitt 23, kann nur den Kopf über die Zustände schütteln, die sie gelegentlich zu sehen bekommt, wenn sie Jugendliche nach einer Anzeige etwa wegen Kiffens auf einem Spielplatz zu Hause abliefert. Sie hält es allerdings für sinnvoll und nötig, die jugendlichen Kiffer zur Rede zu stellen. Abgesehen vom Strafverfolgungsgebot und von der Begleitkriminalität bei Süchtigen sei der Joint heute gefährlicher, weil er viel stärker sei – der Stoff der 70er und der von heute, das sei wie Eierlikör und Stroh-Rum, sagt Christiane Hirschfelder. Zwei weitere Hinweise darauf, dass die Situation sich in den Spandauer Problemkiezen verschärft, sind der Polizistin zufolge die steigende Gewaltbereitschaft „nicht nur unter Jugendlichen“ und das sinkende Durchschnittsalter derer, die wegen Kiffens in der Öffentlichkeit auffallen. Die seien eher elf als 14 Jahre alt.

Polizisten der Direktion 4 in Schöneberg haben für Jugendliche am Anfang krimineller Karrieren einen Begriff geprägt: „Kiezorientierte Mehrfachtäter“ heißen diejenigen, die nach einigen Delikten besonderer polizeilicher Aufmerksamkeit bedürfen. In Schöneberg-Nord – auch ein Problemkiez – gehören laut des Präventionsbeauftragten Henry Maiwald mindestens 25 Jugendliche in diese Kategorie. Diese Jugendlichen sollen bei jedem Kontakt mit der Polizei an denselben Sachbearbeiter geraten: Wer immer wieder auffalle, sei es durch Körperverletzung oder Raub oder Erpressung, soll die Erfahrung machen, dass die Polizei ihn im Blick hat.

Ob in Schöneberg-Nord, in Wedding oder in Neukölln – es sind immer die gleichen Erfahrungen, die die Polizisten mit kriminellen Jugendlichen machen, und es sind gerade die Jugendlichen, deren Existenzen sich mit den Problemkiezen ins Negative entwickeln. Deshalb, sagt Maiwald, sei es so wichtig, dass Jugendliche am Anfang krimineller Karrieren Grenzen erfahren. Dass die kiezorientierten Mehrfachtäter fast ausschließlich türkischer Herkunft sind, ist ein Nebenaspekt, nur aus einem Grund wichtig: Wer die Eltern solcher Jugendlicher erreichen will, muss Türkisch können. Erreicht man sie nicht, setzt sich die Abwärtsentwicklung fort: Leute ziehen weg, denen das Klima im Kiez nicht mehr passt. Irgendwann beginnen dann die Quartiersmanager mit den sozialen Reparaturarbeiten, und die Polizisten im Abschnitt bemerken an der Kriminalitätsentwicklung, ob sich der Kiez erholt.

Polizeidirektor Stefan Weis von der für Neukölln und Kreuzberg zuständigen Direktion 5 beschreibt die „klassische“ Problemkiez-Entwicklung am Beispiel der Fürbringer Straße in Kreuzberg, die sich zum Problemkiez zu entwickeln schien: Zunächst fiel eine Jugendgruppe mit kleineren Delikten auf, dann mit Straftaten, erst waren es Ordnungsstörungen, dann Landfriedensbrüche, dann kamen Eigentumsdelikte hinzu. Die Polizei reagierte erst mit Platzverweisen und, als das nichts half, „massiv“, wie Weis sagt, denn aus der Gruppe heraus hatten sich kriminelle Strukturen entwickelt. Das ist, jenseits allen Unwohlseins an den sozialen Entwicklungen in einem Kiez, für die Polizei das Problematische an den kippenden Kiezen: dass sich kriminelle Strukturen verselbstständigen können.

Oder kriminelle Karrieren. 40 Intensivtäter sind in den Karteien der Direktion 3, in deren Arbeitsbereich der Soldiner Kiez liegt. Intensivtäter und Problemkieze gehören auf gewisse Weise zusammen: Die Straftäterkarrieren haben nicht bloß mit krimineller Energie zu tun, mit desinteressierten Eltern, mit Schulversagen und großen Brüdern, die auf geheimnisvolle Weise das Geld für schwarze BMW auf breiten Reifen aufbringen. Intensivtäterkarrieren haben auch mit Armut zu tun und vor allem mit Perspektivlosigkeit. In manchen Straßen und Hinterhöfen der Gegend um die Soldiner Straße scheint die Zeit stehen geblieben zu sein: Jede Haustür steht jedem offen – kein Wunder, dass manche Eingänge riechen wie früher eine Bahnhofstoilette. Eckkneipen bieten ein mittelgroßes Pils für 80 Cent. In Hinterhöfen kann man die Möbelmode von vor 50 Jahren am vor sich hin rottenden Sperrmüll studieren und fragt sich, von wann der Weihnachtsbaum stammt, der aus einem der Fenster in den einzigen Laubbaum geworfen worden ist, zusammen mit nicht mehr benötigten Kleidungsstücken.

Doch auch in einer so verrufenen Gegend wie dem Soldiner Kiez ist Stress auf der Straße noch immer die Ausnahme, nicht die Regel. Allerdings haben auch Polizisten, die den Kiez seit Jahren und Jahrzehnten kennen, den Eindruck, dass sie einen Teil der Kiezbewohner nicht mehr erreichen. Im Polizeiabschnitt 36 hält man die Araber im Kiez für noch problematischer als die Türken. „Die regeln viel untereinander – das kriegen wir gar nicht mit“, sagt ein Polizeibeamter, der allerdings kein Problem damit hat, seine Streifengänge im Kiez alleine zu unternehmen. Vor ein paar Monaten ist ein Kollege von ihm im Streifenwagen mit einer Metallstange beworfen und am Hals schwer verletzt worden. Aber auch dies halten die Polizisten vom Abschnitt 36 für eine Ausnahme. Der Stangenwurf sei „nicht symptomatisch für den Kiez“, sagt Polizeihauptkommissar Peter Daube, der seit den frühen 80er Jahren die Gegend kennt. Der Politikwissenschaftler Frank Gesemann hat in einer Studie für den Integrationsbeauftragten darauf hingewiesen, dass Staatsangehörigkeit oder ethnische Herkunft allein Kriminalität nicht erklärten, sondern im Zusammenhang mit sozialen und wirtschaftlichen Verhältnissen gesehen werden müssten. Dass junge Nichtdeutsche in der polizeilichen Kriminalitätsstatistik überrepräsentiert seien, habe unterschiedliche Ursachen, etwa die hohe Jugendarbeitslosigkeit und Verarmungsprozesse in den Stadtteilen, die durch einen hohen Anteil der nichtdeutschen Bevölkerung gekennzeichnet sind.

Für Innensenator Ehrhart Körting (SPD) bestätigen die polizeilichen Wahrnehmungen in den Problemkiezen, was sich in den entsprechenden Wohngebieten an Armut, an Verwahrlosung der Gebäude und bei den Bildungsabschlüssen zeigt. Er hat allerdings nicht den Eindruck, dass die Polizei inzwischen zum wichtigsten Akteur bei der Lösung der Probleme geworden ist. Körting hält das Quartiersmanagement für eines der erfolgreichsten Vorhaben der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung. Die Quartiersmanager zeigten, „wie man mit nichtpolizeilichen Mitteln Prävention leisten kann“, sagt Körting. Auch werde der Senat zum Beispiel bei der Geldvergabe für die neuen Ganztagsschulen die Bezirke mit Problemkiezen besonders bedenken. Davon abgesehen seien die Bezirke in der Pflicht. Dass denen das Geld fehle, um wenigstens Räume für neue Jugendprojekte zu stellen, will Körting nicht gelten lassen. Die Bezirke könnten „Prioritäten verschieben“.

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