Berlin : Erst Neuschnee, dann Tauwetter

Wieder wurde geschippt und geschlittert – jetzt soll es wärmer werden. Polizei lobt Geduld der Berliner

B. Krstulovic[S. Leber],C. Spangenberg
Matschig und rutschig. Wer am Hauptbahnhof zu den Bussen wollte, musste über dreckige Pfützen springen. Der Durchgangsverkehr der Taxis ließ dem Schnee hier keine Chance. Am Freitag soll es spätestens abends wieder schneien – die ganze Nacht hindurch. Sonnabend könnte es laut Wetterdienst dann regnen. Foto: Reuters/Thomas Peter
Matschig und rutschig. Wer am Hauptbahnhof zu den Bussen wollte, musste über dreckige Pfützen springen. Der Durchgangsverkehr der...Foto: REUTERS

Die Verschnaufpause wird kurz. Ein paar Stunden fällt kein Schnee vom Himmel, vielleicht scheint am Nachmittag sogar ganz kurz die Sonne durch, verspricht der Wetterdienst Mowis. Doch spätestens am Freitagabend sollen neue Schneefälle kommen und laut Wetterdienst die ganze Nacht lang andauern. Am Samstagmorgen könnte der Schnee in Regen übergehen. Eine weitere Geduldsprobe steht den Berlinern bevor.

Bis jetzt verhalten sie sich vorbildlich, lobt die Polizei. Am gestrigen Donnerstag zählten die Beamten bis zum Nachmittag zwar rund 230 Unfälle, bei den meisten gab es allerdings nur Blechschäden, Verletzte dagegen kaum. „Die Berliner fahren langsamer und witterungsangepasst“, sagte ein Sprecher. „Die winterliche Routine stellt sich ein.“

Auch die BVG setzt auf das Verständnis ihrer Fahrgäste: Weil es am Donnerstag den ganzen Tag über auf allen Buslinien zu Verspätungen von 15 bis 20 Minuten kam und keine Besserung in Sicht ist, bittet das Unternehmen seine Fahrgäste, entsprechend „früher aus dem Haus zu gehen“. Die U 7 fiel gestern Mittag zwischen den Stationen Grenzallee und Möckernbrücke eine Stunde lang aus – nach einem Suizid. Ein Ersatzverkehr mit Bussen kam nicht zustande. Ansonsten fuhren U-Bahnen und Trams planmäßig. Es gab lediglich Beschwerden, dass vor manchen Haltestellen der Schnee nicht weggeräumt wurde – wie vielerorts. Aus allen Stadtteilen berichteten Passanten über nicht oder schlecht geräumte Gehwege. Das Bild ähnelte sich am Donnerstag überall: Fußgänger trampelten den Neuschnee platt, Gehwege wurden zu Rutschflächen.

Der mancherorts gestreute Splitt half da nur wenig. Entgegen der Vorschriften haben viele Hausbesitzer keinen Winterdienst beauftragt, die privaten Streudienst scheinen ihren Aufgaben wie im Vorwinter kaum gewachsen zu sein. So musste man entlang der Kreuzberger Urbanstraße und der Neuköllner Briesestraße durch den Schnee stapfen, in der Torstraße in Mitte mussten Passanten über halbherzig mit Splitt gestreute Gehwegabschnitte balancieren, in der Schönhauser Allee in Prenzlauer Berg gab es rutschige Stellen auf Trottoirs, für die sich kein Hausverwalter zuständig fühlte.

Auch vor einigen Schulen und öffentlichen Einrichtungen blieben die Gehwege erneut ungeräumt. Vor der Kreuzberger Lemgo-Grundschule, der Hermann- Hesse-Oberschule und der Carl-von-Ossietzky-Oberschule mussten die Schüler aufpassen, um nicht auf der unebenen Schneedecke umzuknicken. Immerhin wurde die Bushaltestelle vor der Ossietzky-Schule von zwei Männern im Auftrag der BSR gereinigt. Seit vier Uhr früh fuhren beide durch Kreuzberg und Neukölln, um an Haltestellen Splitt zu streuen und sie freizuschippen. „Es soll noch mehr schneien, da verdienen wir richtig gut“, sagten sie und fuhren weiter.

Für die BSR war der Donnerstag aus eigener Sicht ein Erfolg, obwohl neuer Schnee die Straßen zwischendurch immer wieder bedeckte. Insgesamt seien 2100 Mitarbeiter und 470 Räumfahrzeuge im Einsatz gewesen, um das Ergebnis von 20 Stunden Schneefall beinahe am Stück zu beseitigen, wie ein Sprecher sagte. Ab zwei Uhr nachts hätte man die 4000 Kilometer Hauptstraßen freigeräumt und sich ab drei Uhr um das 6500 Kilometer lange Netz an Nebenstraßen gekümmert. Dass die Straßen schneller frei waren als nach dem ersten Schneefall in der vergangenen Woche, liege an den höheren Temperaturen, hieß es. Dann wirkten die Auftaumittel schneller. Dass einige Bus- und Tramhaltestellen nur schlecht geräumt waren, ist dem Unternehmen bewusst. „Manche Stellen sind nicht erkennbar geräumt“, gab der Sprecher zu. Dennoch überwache man die zur Räumung der Haltestellen beauftragten Drittfirmen, erst am Donnerstagmorgen habe man sie nochmals instruiert.

Viele Berliner ließen sich von den Schneemassen kaum beeindrucken. „Es ist nun mal Winter, und die Räumdienste können auch nur arbeiten“, sagte etwa Ingrid Müller aus Reinickendorf. Vergangene Woche sei sie in Nürnberg gewesen, wo es weitaus schlimmer zugegangen sei.

Andernorts schien das Freischaufeln besser zu klappen. Vor dem Amtsgericht Tiergarten waren die Gehwege am Donnerstagmorgen bereits vor Prozessbeginn um neun Uhr nur mit wenigen Schneeresten und Splitt belegt, die Treppen waren blitzblank und eisfrei. Am vergangenen Donnerstag hatten sich Tagesspiegel-Leser beschwert, dass sich vor dem Gebäude der Schnee getürmt habe und nur ein schmaler Trampelpfad frei gewesen sei.

Am Europaplatz behielten Raucher die Schneemassen, die sich über ihren Köpfen an den Rändern des Bahnhofsdaches angesammelt hatten, aufmerksam im Blick. Wer weiter zu den Bussen wollte, musste durch dunkelgraue Pfützen waten. Unter den Platz erstreckte sich die Vorhalle des neuen U-Bahnhofs, geräumig und menschenleer.

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