Berlin : Erst zahlen, dann singen: Kitas bitten zur Kasse

Nach der Privatisierung vieler Tagesstätten versuchen neue Betreiber, mit Zusatzangeboten Geld zu verdienen. PDS warnt vor Zwei-Klassen-System

Tanja Könemann

Biofleisch zum Mittagessen, musikalische Früherziehung, Englischunterricht und viele Theaterbesuche – traumhafte Angebote für eine Kindertagesstätte. Allerdings müssen Eltern dafür auch tiefer in die Tasche greifen: Immer mehr private Kitas gehen dazu über, zusätzlich zum gesetzlichen Elternbeitrag einen individuellen zweiten Monatsbeitrag zu verlangen. Wer den nicht zahlen kann, bleibt unter Umständen draußen. Die Linkspartei/PDS warnt vor „Zwei-Klassen-Kitas“ und fordert, dass sich Bezirke und Senat des Themas annehmen.

Die Höhe der „freiwilligen“ Beiträge variiert: Je nach Zielgruppe der Kita liegt sie zwischen fünf und 400 Euro im Monat. Auch die Modalitäten sind unterschiedlich: So gibt es Kitas, die es in den Eltern überlassen, ob sie die kostenpflichtigen Zusatzangebote annehmen. Andere Kitas legen gleich in der Satzung fest, dass der Extra-Betrag zu zahlen ist.

So berichtet Jens-Peter Heuer (Linkspartei/PDS), Jugendstadtrat in Mitte, von einer Kita im Regierungsviertel, in der die zusätzlichen Pflichtbeiträge der Eltern noch einmal genauso hoch sind wie der gesetzliche einkommensabhängige Pflichtbeitrag. Wer beispielsweise monatlich 4500 Euro verdient und laut Kitakostenbeteiligungsgesetz 215 Euro für einen Ganztagsplatz zahlen muss, liegt in dieser Kita dann bei insgesamt 430 Euro.

Der Geschäftsführer der neuen Sport- Kita am Olympiastadion, Clemens Gubernath, bezeichnet 70 Euro zusätzlich im Monat als „Normalfall“. Bei ihnen würden aber nur 35 Euro hinzukommen – für die großen Räumlichkeiten und Bio- Kost. Von solchen Beträgen weit entfernt sind Kita-Träger wie die evangelische Kirche. So berichtet Dorothee Stegmeier, Leiterin der Kita „Tabea“, dass nur kleine Beträge eingesammelt werden – 2,50 Euro, von denen Geburtstagsgeschenke gekauft werden, oder sechs Euro für eine externe Sportgruppe. Roland Kern vom Dachverband der Kinder- und Schülerläden hält 25 Euro im Monat in einem Elterninitiativ-Kindergarten für angemessen. So viel komme auch leicht zusammen, wenn eine öffentliche Kita für einzelne Theaterbesuche oder Ausflüge Geld einsammelt, sagt Kern. Er sieht Bedarf für Zusatzangebote, die den engen Finanzrahmen der Kitas sprengen. Allerdings bestehe die Gefahr, dass sozial schwache Familien dadurch ausgegrenzt würden. Die Kitas müssten wegen schwindender finanzieller Mittel eine Gratwanderung leisten: „Fahren die Einrichtungen ihr Angebot zurück, verlieren sie Kinder und somit auch Geld. Nehmen sie zusätzliche Beiträge, droht ihnen dasselbe.“

In vielen Kitas toben wilde Diskussionen ums Geld zwischen Eltern und Betreibern, die in den vergangenen Monaten Hunderte Bezirkskitas übernommen hatten. So wollte ein Träger in Prenzlauer Berg einen monatlichen Fixbetrag für „eventuelle Anrufe auf Handys der Eltern“ und auch fürs Singen, das bis dahin kostenlos war. Martin Hoyer vom Paritätischen Wohlfahrtsverband und auch Robert Podolski vom Landeselternausschuss ermuntern die Eltern, Zusatzzahlungen zu hinterfragen. Grundsätzlich seien zusätzliche kostenpflichtige Angebote aber in Ordnung.

Die Jugendpolitikerin Margrit Barth (Linkspartei/PDS) fürchtet um die soziale Mischung, wenn bestimmte Kitas nur für Besserverdiener erschwinglich seien. Ihre FDP-Kollegin Mieke Senftleben sieht weder die Notwendigkeit noch die Möglichkeit, die Entwicklung zu stoppen. Hauptsache sei, dass es genug Betreuungsplätze für alle gebe und niemand gezwungen sei, zu teuren Kitas zu gehen.

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