Berlin : Erst zur Beratung, dann zur Hartz-IV-Kasse

Charlottenburger Projekt: Jugendliche bekommen nur Geld, wenn sie sofort an Kursen teilnehmen

Sigrid Kneist

Wie geht man am besten mit jungen Arbeitslosen um? Der Bezirk Neukölln setzt ab jetzt, wie berichtet, verstärkt auf Sanktionen und will das Arbeitslosengeld II erst dann auszahlen, wenn es einen Nachweis über eine begonnene Weiterbildung oder einen Hilfsjob gibt. Das Jobcenter Charlottenburg-Wilmersdorf geht einen anderen Weg. Dort soll die Betreuung der Arbeitslosen unter 25 Jahren schon beim ersten Besuch im Jobcenter beginnen – sobald nur bekundet wird, einen Antrag auf Hartz IV stellen zu wollen. „Wir schicken jeden, der einen Antrag stellen will, sofort zu einer ersten Beratung bei einem freien Träger, der bei uns im Haus sitzt“, sagt Jobcenter-Chef Johannes Langguth. Nach dem Gespräch müssen sie direkt am nächsten Morgen um acht Uhr eine mehrwöchige Trainings- und Profilingmaßnahme in Reinickendorf beginnen.

„Vorsprung“ heißt das Projekt, das Anfang des Monats gemeinsam mit dem Personaldienstleister GfA gestartet wurde, und dieser Name ist wörtlich gemeint. Man will schon die vier bis sechs Wochen, die durchschnittlich bis zur Antragsbewilligung vergehen, sinnvoll nutzen und den Jugendlichen gar nicht erst eine längere Zeit des Nichtstuns ermöglichen. Nach ersten Erfahrungen des Projekts wirkt auf manche Jugendliche allein die Aufforderung, sofort zu einer Beratung zu gehen, so abschreckend, dass sie gar nicht auftauchen und auch keinen Antrag stellen. „Die stellen wohl fest, dass es für sie zu anstrengend ist und es ernst gemeint ist“, sagt Projektmitarbeiterin Heidrun Deuble, die noch im Jobcenter das erste Gespräch mit den Jugendlichen führt. Andere wiederum gehen zwar noch zur Beratung, bleiben dann dem Projekt fern. Das sind nach Deubles Angaben aber nur wenige. „Und wenn sie erst ein paar Tage dabei sind, steigt auch die Motivation und die Jugendlichen bleiben dabei.“ Zuerst gebe es ein „natürliches Misstrauen“; dies schwinde, sobald die Jugendlichen merken, dass ihnen geholfen wird. Allerdings wird auch Engagement von ihnen gefordert. Haben die Projektmitarbeiter zum Beispiel das Gefühl, nebenher werde schwarz gearbeitet, „lassen wir denjenigen montags morgens, dienstags nachmittags, mittwochs morgens kommen“, sagt Renate Erxleben von der GfA-Regionalleitung. Und Sanktionen kann es natürlich auch geben, wenn die Teilnahme abgelehnt wird. Dann könne später die Unterstützung gekürzt werden, sagt Jobcenter-Chef Langguth.

In der bis zu sechswöchigen Maßnahme wird genau geprüft, wo Stärken und Schwächen des Einzelnen sind, welche Qualifizierung noch fehlt, was für Vermittlungshemmnisse vorhanden sind, welche arbeitsmarktpolitischen Instrumente infrage kommen. Ein genaues Profil der Jugendlichen wird erarbeitet. Außerdem gibt es ein Vermittlungstraining. Nach Abschluss des Kurses und der Bewilligung des ALG-II-Antrags können im Jobcenter sofort die sogenannte Eingliederungsvereinbarung mit dem Jugendlichen unterschrieben und mit den nächsten Maßnahmen begonnen werden. Die Jugendlichen können das Projekt auch weitermachen, wenn ihr ALG-II-Antrag abgelehnt wird.

Das Projekt hat bislang nur einen relativ kleinen Personenkreis erreicht, nämlich jene Jugendlichen und junge Erwachsenen, die erstmals einen Antrag auf Unterstützung stellen. Im Jobcenter an der Bundesallee sind das wöchentlich zehn bis 15 Arbeitslose. Aber alle Neuantragsteller sollen jetzt die Maßnahme durchlaufen, damit sich zumindest bei ihnen erst gar nicht die Gewöhnung ans Nichtstun einstellen kann.

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