Erste Schnupperfahrten : Ran an Berlins neue Tram!

Eigentlich ist sie nur eine ganz normale Straßenbahn - die neue Flexity der BVG. Und doch ist das: Interesse von Berlinern an dem neuen Fahrzeug gewaltig. - Es gibt auch schon erste Kritik.

Klaus Kurpjuweit
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Hereinspaziert. Bei den Probefahrten in der neuen Straßenbahn blieb kein Sitzplatz frei. -Foto: Uwe Steinert

Eigentlich ist sie nur eine ganz normale Straßenbahn – die neue Flexity der BVG. Und doch scheint sie etwas ganz Besonderes zu sein: Das Interesse von Berlinern an dem neuen Fahrzeug ist jedenfalls gewaltig. Bei den ersten Fahrgastfahrten gestern waren die Bahnen voll besetzt. Auch heute finden weitere Gratis-Schnupperfahrten statt. Abfahrt ist jeweils stündlich von 10 Uhr bis 16 Uhr an der Haltestelle in der Dircksenstraße am Bahnhof Alexanderplatz.

Gestern fanden die ersten Fahrgäste auch gleich die ihrer Ansicht nach ersten Mängel. Für Irmgard Marckert sind die Haltestangen zu hoch angebracht; außerdem fehlten die bisher üblichen Schlaufen zum Festhalten. Andere monierten, durch das moderne Design der Bahn seien die kleinen Scheinwerfer kaum zu erkennen und damit eine Gefahr für Fußgänger beim Überqueren der Gleise.

Die BVG will Fahrgäste weiter befragen, wenn die Bahn vom 20. Oktober an zum ersten Mal im Linienverkehr auf der M 4 (Hohenschönhausen, Zingster Straße/Falkenberg – Hackescher Markt) eingesetzt wird. Bis zum Jahresende sollen drei weitere Probefahrzeuge geliefert sein, die dann auf den Linien M 2 (Heinersdorf–Alexanderplatz), M 5 (Zingster Straße–Hackescher Markt) und M 10 (Nordbahnhof–Warschauer Straße) unterwegs sein werden.

Die Straßenbahnen aus der Flexity-Produktserie von Bombardier sind mit 40 Metern beziehungsweise 30,8 Metern die längsten, die bisher in Berlin gefahren sind. 248 Fahrgäste passen in die Langversion. Die bisher modernsten Bahnen der BVG haben Platz für 103 Mitfahrer und viel unbequemere Sitze als die neuen Bahnen. Am Abend könnten die langen Züge aber ein Problem haben, wenn sie nur schwach besetzt und Vandalen unterwegs seien, meinte Fahrgast Horst Knäcke bei der Probefahrt gestern. Hier müsse die BVG Sicherheitspersonal mitfahren lassen, forderte er. Die BVG will die langen Züge vornehmlich auf Strecken einsetzen, auf denen sie bisher mit zwei gekuppelten Fahrzeugen unterwegs ist. So sollen langfristig Kosten im Betrieb gespart werden.

Bewähren sich die neuen Bahnen, will die BVG bis 2015/16 insgesamt bis zu 206 weitere Bahnen anschaffen. Sie ersetzen dann die Tatra-Züge aus der Vorwende-Zeit mit drei hohen Stufen beim Einstieg. Dann gäbe es bei der Straßenbahn nur noch fast stufenlose Einstiege; auch im Netz von Köpenick – falls die Strecken dort nicht doch noch stillgelegt werden, wie es bei der BVG immer wieder erwogen wird.

Der Probebetrieb mit den neuen Bahnen sei aber auch ein Zeichen dafür, dass die Straßenbahn ein „integrierter und unverzichtbarer Bestandteil des erstklassigen Berliner Nahverkehrsangebots“ sei, sagte BVG-Chef Andreas Sturmowski. Dabei war die Straßenbahn zumindest in West-Berlin bereits im Oktober 1967 abgeschafft worden. Zaghaft wurden nach der Einheit aber auch wieder einige Kilometer Gleise in westliche Bezirke gelegt.

Gestern hatte sich die BVG auch noch ganz besonders angestrengt. Nach jeder Fahrt brachte ein Reinigungsteam die Vorführbahn wieder auf Hochglanz. Davon können die Fahrgäste im Alltagsbetrieb nur träumen.

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