Berlin : Erste Schritte ins neue Leben

Alternative zur Klinik: Ambulante Betreuung nach dem Infarkt

NAME

Von Annekatrin Looss

Die ersten Schritte ihres zweiten Lebens gehen viele Berliner Herzpatienten im Herzhaus in der Kreuzberger Axel-Springer- Straße. Die meisten haben gerade einen Herzinfarkt überlebt, vielen wurde ein Bypass gelegt, alle aber müssen ihren Lebensstil ändern. „Mehr Bewegung, gesunde Ernährung, weniger Stress und vor allem kein Nikotin“, lautet die Formel für ein gesundes Herz. Nach und nach werden Patienten im Herzhaus, eines der beiden Berliner Zentren für ambulante kardiologische Rehabilitation wieder an eine gesunde Lebensweise gewöhnt.

„Früher wurden die Menschen nach einer Herz-Operation zur Kur aufs Land geschickt“, so der Verwaltungsleiter des Herzhauses, Rainer Korb. Doch der Trend geht zur ambulanten Rehabilitation: die Patienten schlafen zu Hause und kommen täglich für rund sechs Stunden ins Reha-Zentrum. „Das ist billiger als eine Kur und bei vielen Patienten auch beliebter“, sagt Korb. Viele fühlen sich im Kreis der Familie wohler, andere wollen oder können ihr Haustier nicht allein lassen. Zur Zeit werden ein bis zwei Prozent der Berliner Herzpatienten ambulant behandelt, doch schon in wenigen Jahren könnten es bis zu 20 Prozent sein, schätzen Experten.

Neben dem Herz-Kreislauf-Training auf dem Ergometer stehen Gymnastik und Entspannungstechniken auf dem Lernprogramm. Wichtig auch die Ernährungsberatung. Gemeinsam mit Beraterin Jutta Scherrer gehen die Patienten einkaufen, dann wird gekocht: viel Fisch, Gemüse und Salate. Und damit das Gelernte später auch wirklich umgesetzt wird, dürfen die Herren ihre Ehefrauen mitbringen.

Doch nicht nur Therapeuten und Ernährungsberater arbeiten im Herzhaus, sondern auch Psychologen und Sozialarbeiter. „Vielen Menschen fehlt nach dem lebensbedrohlichen Erlebnis eines Herzinfarktes das Selbstbewusstsein, sie wissen nicht mehr, was sie ihrem Körper zutrauen können“, so Korb. Das reicht vom Garten Umgraben, über Urlaubsflüge bis hin zur Wiedereingliederung in den Arbeitsalltag. Die Sozialarbeiter kümmern sich um die finanzielle Absicherung bei Berufsunfähigkeit, helfen beim Beantragen von Renten oder Krankengeld.

60 Patienten kann das Herzhaus aufnehmen, 64 Plätze bietet die zweite Berliner Einrichtung für ambulante kardiologische Rehabilitation, das Reha-Zentrum Rankestraße. Die Charlottenburger Einrichtung ist die älteste ihrer Art in Deutschland. Sie wurde 1979 gegründet, die West-Berliner Inselsituation machte sie nötig. Die Programme der beiden Reha-Zentren ähneln sich, das Reha-Zentrum in der Rankestraße hat sich in letzter Zeit jedoch auch auf die Behandlung russischer oder türkischer Einwanderer eingerichtet hat. „Schließlich kommen die ersten Einwanderer-Generationen jetzt in die kritischen Jahre“, so Stephan Beckmann, Arzt im Reha-Zentrum Rankestraße.

Damit es gar nicht erst zum Herzinfarkt kommt, kann man sowohl im Herzhaus als auch in der Rankestraße vorbeugen. Das Interesse an den Präventionsgruppen wächst. „Vor allem Rentner und Vorruheständler kommen zu uns, die etwas für ihr Herz tun wollen“, so Korb. Zur Vorbeugung gehört ebenfalls Ergometer-Training, Gymnastik und Entspannung. Die Kurse finden zweimal wöchentlich statt und kosten 60 Euro, wobei etwa die Hälfte die Krankenkasse übernimmt.

» Mehr lesen? Jetzt kostenfrei E-Paper testen!

0 Kommentare

Neuester Kommentar