Erste Synagoge in Brandenburg eröffnet : Aus dem Kreuz wurde ein Davidstern

In Cottbus wurde eine Kirche zur Synagoge – es ist die erste in Brandenburg. Dass damit ein Gotteshaus erhalten werden konnte, freut auch Christen.

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Eröffnung am Holocaust-Gedenktag. Seit dem 27. Januar haben die Juden in Cottbus wieder eine Synagoge.
Eröffnung am Holocaust-Gedenktag. Seit dem 27. Januar haben die Juden in Cottbus wieder eine Synagoge.Foto: dpa/Carstensen

„Schabbat schalom.“ Olga Kluge nickt ihren Banknachbarn in der neuen Synagoge freundlich zu. Soeben ist der Gottesdienst zum Schabbatbeginn zu Ende gegangen, mehr als zwei Dutzend Gläubige nehmen nun an der U-förmigen Tafel Platz. Einer der Männer spricht den Segen über den Wein. Bevor Gleiches mit den geflochtenen Weißbroten, Challa oder Barches genannt, geschieht, waschen sich alle die Hände.

Verhandelt wurde lange

Die Stimmung ist feierlich, es ist ja auch erst der dritte Schabbat, den die jüdische Gemeinde von Cottbus in ihrer Synagoge begehen kann. Bis Herbst 2014 war das hier nämlich die christliche Schlosskirche. Sie hatte seit Jahren keine Gemeinde mehr, ihre Finanzierung war schwierig. Zugleich suchten die 422 jüdischen Gläubigen dringend ein Gotteshaus. So wurde die Kirche nach längeren Verhandlungen zwischen jüdischer und evangelischer Gemeinde, Landesregierung und Stadtverwaltung verkauft und am 27. Januar als Synagoge geweiht. Sie ist die erste und bisher einzige in Brandenburg – auch Olga Kluge, die nie sonderlich religiös war, bezeichnet das als ein kleines Wunder.

Mit neun Jahren erfuhr Olga, dass sie Jüdin ist

Die wissenschaftliche Mitarbeiterin, die 30 Jahre lang Informatik an der Cottbuser Universität unterrichtete, erinnert sich noch gut daran, wie ihr bewusst gemacht wurde, dass sie Jüdin ist. Da war sie gerade neun Jahre alt, lebte in Moskau, kam in eine neue Schule und sollte sich zu einem Jungen setzen. Doch der protestierte. „Ich werde nicht neben einer Schidowka sitzen“, sagte er. Die kleine Olga hatte keine Ahnung, was eine Schidowka war, sah aber die entsetzten Augen der anderen Drittklässler.

Am Abend fragte sie ihre Mutter. Die wurde blass und erklärte dem Mädchen, dass „Schidowka“ ein Schimpfwort sei und oft für Juden verwendet werde. Dann erzählte sie Olga, dass sie Jüdin sei, wie ihre Eltern und Großeltern und alle Verwandten. „Was sind Juden? Und warum ist es so schlimm, wenn man Jude ist?“, wollte das Mädchen wissen. Daraufhin nahm die Mutter ein Buch, zeigte dem Mädchen ein berühmtes Gemälde von Jesus am Kreuz und sagte: „Die Juden sollen angeblich Jesus getötet haben.“

In den Ausweisen stand "Jevrej"

„Ich war schockiert“, erzählt Olga Kluge. „Ich dachte, wenn die Juden so etwas Schlimmes gemacht haben, ist es vielleicht richtig, dass sie verachtet werden.“ In den folgenden Jahren lernte das Mädchen, wie schwer es war, als Jüdin in der Sowjetunion zu leben. Unter Stalin hatte es mehrere Gewaltorgien gegen Juden gegeben, in ihren Ausweisen stand als Nationalität „Jevrej“ (übersetzt: Hebräer oder Jude) – und das machte es ihnen schwer, Studienplätze zu bekommen oder gute Arbeit. Oft wurde Olga drangsaliert und benachteiligt, bis sie 1976 einen deutschen Studenten heiratete und in die DDR kam.

Synagoge ist für alle geöffnet

Dort gab es nur wenige Juden, aber niemand kam zu dieser Zeit auf die Idee, sie zu diffamieren. „Meine Berliner Pflegemutter war Jüdin“, erzählt Felicitas Surber, die an diesem Freitag in die neue Cottbuser Synagoge gekommen ist. „Sie war Verfolgte des Naziregimes, hat Buchenwald überlebt. Niemand hätte gewagt, sie zu beleidigen. Sie hat mich immer mit in ihre Berliner Synagoge genommen – deshalb wollte ich gerne mal wieder einen Schabbat-Gottesdienst erleben.“

Das kann sie, denn die jüdische Gemeinde von Cottbus hat ihre neue Synagoge für alle geöffnet. „Wir sind von Herzen dankbar“, verkündet ein Schild an der Tür, auf dem auch Führungen angeboten werden. „Das finde ich sehr gut“, lobt ein Mann, der vor mehr als 50 Jahren in der Schlosskirche konfirmiert wurde.

Anfangs seien einige Christen traurig gewesen, weil die einst von Hugenotten erbaute Schlosskirche eine lange Tradition habe, als einzige Kirche nicht im Krieg beschädigt wurde und zu Wendezeiten 1989 ihre Türen für Demonstranten öffnete, sagt Johanna Melchior, die als Pfarrerin der Nikolai-Gemeinde arbeitet. „Nachdem aber klar ist, dass Christen in der Synagoge gern gesehen sind, überwiegt die Freude, dass wir mitten in der Stadt ein Gotteshaus erhalten konnten.“

Pfarrerin erklärt jüdische Rituale

Sie selbst geht seit Jahrzehnten zum Schabbat-Gottesdienst. „Im Judentum liegen unsere Wurzeln, die sollte man kennen“, sagt sie. „Außerdem hatte meine Großmutter väterlicherseits einen jüdischen Freund, mit dessen Sohn mein Vater aufgewachsen ist. Und mein Großvater mütterlicherseits hat seinen jüdischen Cousin durch die Nazizeit gebracht.“

Auch deshalb hat die im Vogtland geborene Johanna Melchior an der Berliner Humboldt-Uni Theologie studiert und gehört seither der Arbeitsgemeinschaft Judentum und Christentum der Evangelischen Kirche an. Gern erklärt sie vor und nach den Schabbat-Gottesdiensten bestimmte Rituale – manchmal sogar den jüdischen Gemeindemitgliedern. Die stammen alle aus der früheren Sowjetunion und haben oft Jahrzehnte lang ihren Glauben nicht ausüben können.

Viele kommen auch aus sozialen Gründen

„Manche kommen auch heute weniger aus religiösen als aus sozialen oder kulturellen Gründen in die Gemeinde“, sagt Sergey Romanov, der mit 42 Jahren jüngste Vorbeter der Gemeinde. „Das hat etwas Identitätsstiftendes, hier wird ihre Sprache gesprochen und man kann sich austauschen.“ Romanov ist IT-Spezialist an der Cottbuser Uni, aber viele Mitglieder der Jüdischen Gemeinde haben es nicht geschafft, in Deutschland beruflich Fuß zu fassen. „Sie hatten zwar fast alle einen Ingenieur- oder Diplomabschluss, aber der wurde in Deutschland nicht anerkannt“, sagt Romanov. „Als man merkte, dass man da einen Fehler gemacht hatte, war es für die meisten zu spät. Sie waren schon Rentner.“

Gespräche über die alte Heimat

Galina Bibikova stellt das duftende, frisch zubereitete Essen auf den Tisch. Die Männer schenken Wein nach, die Gespräche drehen sich um die Kinder, die meist weit entfernt Arbeit gefunden haben, und um die Situation in der alten Heimat – in Moskau, St. Petersburg, Kiew oder Minsk. „Schrecklich, der Krieg“, sagt eine Frau, die aus Donezk stammt. Viele nicken. Auch die Anschläge in Paris und Kopenhagen sind ein Thema. „Natürlich haben wir immer ein wenig Angst“, sagt ein Mann, „aber bisher fühlen wir uns in Cottbus, überhaupt in Deutschland, sicher und sehr wohl.“

"Danke, dass ihr das Brot mit uns teilt"

Pfarrerin Johanna Melchior findet es wunderbar, dass es dank der russischen Zuwanderer in Cottbus wieder jüdisches Leben gibt. Und nicht nur sie. Weil die Synagoge mitten auf der „Sprem“, der zentralen Einkaufspassage von Cottbus steht, kommen an diesem Freitagabend immer mehr Neugierige von der Straße herein: Ein Geschäftsmann aus Würzburg, ein junges Pärchen aus Berlin, auch der Leipziger Maler Hartwig Ebersbach mit seiner Frau: „Wir haben von draußen Licht gesehen und wollten uns die Kirche anschauen“, sagt er. „Dann haben wir erst gemerkt, dass es eine Synagoge ist. Wie schön!“ Sichtlich bewegt verabschiedet er sich später von Olga Kluge und den anderen Gemeindemitgliedern: „Danke, dass ihr das Brot mit uns geteilt habt.“

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