Erste Wahl 1953 : "Die Flüchtlingsfrage war auch damals ein Thema"

Berlinerinnen und Berliner erzählen von ihrer Wahlpremiere. Der 86-jährige Helmut Anders erinnert sich an eine Wahl im Zeichen der deutschen Teilung.

Wählen in der jungen BRD. Die Kindheit von Helmut Anders, Jahrgang 1931, ist durch Hitler geprägt.
Wählen in der jungen BRD. Die Kindheit von Helmut Anders, Jahrgang 1931, ist durch Hitler geprägt.Foto: Screenshot

Ich heiße Helmut Anders und bin 1931 in Wolfenbüttel im heutigen Niedersachsen geboren. Für mich war die Wahl 1953 sehr wichtig, da ich ja bis zu meinem 13. Lebensjahr unter ganz anderen Umständen groß geworden bin. Dieses Ereignis in Freiheit zu erleben, dass so etwas neu organisiert wird, das war für mich etwas ganz Besonderes.

"Hitler wurde uns jungen Menschen stark eingeprägt"

Hitler wurde uns jungen Menschen stark eingeprägt. Als dann 1945 die Amerikaner bei uns einmarschierten und wir unsere Wohnung von Naziliteratur bereinigten, habe ich ganz heimlich ein Hitlerbild versteckt. Als anschließend die Berichte über die KZs bekannt wurden, habe ich im August 1945, als Waschtag war, dieses Bild im Wäscheheizkessel verbrannt. Und das war sicherlich der Ausgangspunkt, dass ich diese Wahl 1953 überhaupt vollziehen konnte.

Wahlthemen im Einzelnen waren sicherlich der Wiederaufbau, die Flüchtlingsfrage, die Integration und die Wohnungsnot. Es waren ja zu der Zeit viele Flüchtlinge in privaten Wohnungen untergebracht. Wir hatten auch in unserer – aus heutiger Sicht – kleinen Wohnung einen Flüchtling einquartiert bekommen. Die Teilung Deutschlands und die Frage der Wiedervereinigung spielten auch eine Rolle.

Nach Ende der Veranstaltung bildeten sich große Diskussionsgruppen

Was ich am meisten in Erinnerung behalten habe, waren die Großveranstaltungen im Lessingtheater in Wolfenbüttel, wo die Funktionäre der Parteien große Auftritte hatten. Das Theater war mit 600 bis 700 Leuten immer voll besetzt. Nach Ende der Veranstaltungen bildeten sich jedes Mal große Diskussionsgruppen, wo die unterschiedlichen Meinungen noch mal von den Leuten geäußert wurden – über die Redner oder die politische Situation insgesamt. Aber das geschah immer ohne irgendwelche Zusammenstöße. Das ging alles sehr friedlich ab.

Ich habe damals die SPD gewählt. Maßgebend war eigentlich, dass die führenden SPD-Leute die Nazizeit gut überstanden hatten und mich überzeugten, dass sie für die aufblühende neue Demokratie die Richtigen sind.

Aufgezeichnet von Ann-Kathrin Hipp.

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