Erste Wahl 1957 : "Ich hatte keine Ahnung, was im Dritten Reich geschehen war"

Berlinerinnen und Berliner erzählen von ihrer Premiere in der Wahlkabine. Ursula Krupp würde nie wieder wählen, wie sie 1957 gewählt hat.

Überzeugte Demokratin. Ursula Knapp will wählen gehen, auch wenn sie mit den Parteien nicht zufrieden ist.
Überzeugte Demokratin. Ursula Knapp will wählen gehen, auch wenn sie mit den Parteien nicht zufrieden ist.Foto: Screenshot

Ich heiße Ursula Krupp, bin in Zweibrücken in der Pfalz geboren und habe 1957 das erste Mal gewählt – eigentlich ohne zu wissen, was ich wähle. Ich weiß nur, dass ich eine nationalsozialistisch angehauchte Partei gewählt habe – in Erinnerung an Positives aus der Vergangenheit. Das war natürlich albern, aber ich hatte ja zu diesem Zeitpunkt keine Ahnung, was im sogenannten Dritten Reich in der Vergangenheit geschehen war. Das war für mich ein einmaliger Fall – ich habe mir auch keine Gedanken darüber gemacht.

Damals wurde über Politik nie geredet, nicht aus irgendeinem Grund, sondern weil sich einfach keiner dafür interessiert hat. Deutschland musste wieder aufgebaut werden. Es war nichts mehr vorhanden, und man hat auch noch im ersten Jahr nach der Währungsreform 1948 alles auf Lebensmittelmarken bekommen. Dann wurde so allmählich das eine oder andere besser. Aber für den Normalbürger war ja kein Geld da. Es herrschte große Arbeitslosigkeit auch noch in den ersten Jahren der 50er. Und als dann immer mehr Menschen einen Job bekamen, kam das Wirtschaftswunder. Ab da ging’s kräftig nach oben.

Nur noch SPD

Nach meinem ersten, etwas naiven Versuch, eine Vergangenheitspartei zu wählen, habe ich mich, nachdem ich meinen Mann kennengelernt hatte, anders mit Politik auseinandergesetzt. Wir haben zwar zuerst die 1960 gegründete DFU – die Deutsche Friedens-Union, die gibt es auch nicht mehr – gewählt, aber danach nur noch SPD. Bei den heutigen Parteien hat man einfach nicht mehr das Gefühl, vertreten zu sein. Trotzdem gehe ich wählen. Denn wenn ich nicht wähle, dann wähle ich das Verkehrte. Deswegen ist es für mich ganz wichtig, immer zur Wahl zu gehen. Dass die AfD heute so viel Zuspruch bekommt, kann nur darauf zurückzuführen sein, dass viele Menschen von der ganzen Realität, wie es damals war, keine Ahnung haben.

Aufgezeichnet von Christian Vooren und Helena Wittlich.

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