Erste Wahl 1972 : "Es war eine reine Protestwahl"

Berlinerinnen und Berliner erzählen von ihrer ersten Wahl. Die 68-jährige Hannelore Mühlenhaupt stimmte ganz anders als ihre Nachbarn ab.

Als Hannelore Mühlenhaupt zum ersten Mal wählte, wusste hinterher das ganze Dorf, wo sie ihr Kreuz gemacht hatte.
Als Hannelore Mühlenhaupt zum ersten Mal wählte, wusste hinterher das ganze Dorf, wo sie ihr Kreuz gemacht hatte.Foto: Screenshot

Mein Name ist Hannelore Mühlenhaupt, ich bin 1949 in einem kleinen Dorf in Mittelfranken geboren und habe 1972 das erste Mal gewählt. Ich war damals sehr jung und sehr wütend, und deswegen habe ich die KPDAO gewählt. Aber nicht, weil sie meine tiefen Sympathien hatte, es war eine reine Protestwahl. Der nächste Ort lag ungefähr zwei Kilometer entfernt, ich wurde mit meinen Schwestern in den Mercedes 180 eingepackt, und dann sind wir rüber ins Dorf gefahren. In dem Festsaal vom Wirtshaus waren die Wahlkabinen, anschließend sind wir runter gegangen zum Wirt und haben Schweinsbraten mit Knödel gegessen.

Das Lustige war, dass eine Viertelstunde nach Schließung der Wahllokale der Bürgermeister bei meinem Vater angerufen und durchs Telefon gebrüllt hat: „Roman, deine Tochter hat KPD gewählt!“ Das war natürlich leicht zu lokalisieren, weil ich die Einzige war, die ins Gymnasium ging, ich hatte immer irgendwelche langhaarigen Freunde, die mich besucht haben und meinem Vater ziemlich peinlich waren. Ich war auch die Einzige, die mit einem Loch in der Jeans durchs Dorf gelaufen ist. Manchmal habe ich Anti-Strauß-Sticker irgendwohin geklebt. Die wussten natürlich sofort, dass ich das war.

Man konnte diskutieren und hat trotzdem zusammengelebt

Franz-Josef Strauß hat damals unerträglich gehetzt. Er hat rechte Parolen verbreitet ohne Ende. Und ich habe mich gegen alles, was er gesagt hat, wirklich empört. Inzwischen leiste ich aber sogar Franz-Josef Strauß Abbitte. Weil ich jetzt glaube, dass es damals notwendig war, mit solchen rechtsradikalen und rechtspopulistischen Parolen aufzutreten. In unserem Dorf gab es zwölf Prozent NPD-Wähler. Die waren im Gegensatz zu den SPD-Wählern nicht bekannt.

Die Stimmung war damals so: Auch wenn ich die volle Opposition war, konnte man trotzdem diskutieren. Und man hat trotzdem zusammengelebt und hat da hingehört. Wir wollten hier in Bergsdorf auch schon politische Lesungen machen, meine Mitarbeiter hatten Angst, weil die Rechten hier immer mehr Oberhand bekommen und auch konkret Menschen bedrohen.

Vielleicht heute wieder eine Protestwahl

Mir ist es wichtig, dass uns die EU nicht um die Ohren fliegt. Die EU ist einfach was Großartiges.

Nur ein Beispiel: Wir hatten lange ein Haus in Portugal. Wenn man da hingefahren ist, hatten wir immer sechs Geldbeutel mit sechs verschiedenen Währungen dabei.

Für die Bundestagswahl weiß ich noch nicht, wie ich mich entscheide. Ich habe mir nämlich vor zwei Jahren einen neuen Diesel gekauft, aus Umweltschutzgründen, und wurde so verarscht sowohl von der Industrie als auch von Herrn Dobrindt, dass ich eigentlich eine Protestwahl machen will.

Aufgezeichnet von Christian Vooren.

Die Videointerviews mit allen befragten Erstwählern sowie Grafiken, Analysen und Wahlplakate zu jeder Wahl finden Sie in unserem Projekt "Erste Wahl: Zeitreise durch die Bundestagswahlen", das in Zusammenarbeit mit Philipp Bock und Lisa Charlotte Rost von Tagesspiegel Data entstanden ist. Dieses Projekt sowie Umfragen, Kieztouren durch Berlin, eine Kandidatenbank und vieles mehr zur Bundestagswahl finden Sie in unserem Wahl-Spezial.

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