Der Erstwähler aus dem Westen

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Erste Wahl 1990 : "Kohl war für die Einheit"
Thomas Sanchez ist Erstwähler des Jahres 1990.
Thomas Sanchez ist Erstwähler des Jahres 1990.Foto: Screenshot

Ich heiße Thomas Sanchez und bin jetzt 46 Jahre alt. Meine erste Bundestagswahl war 1990, die Wahl zur Deutschen Einheit. Ich bin West-Berliner, bin im Schatten der Mauer aufgewachsen: Im Süden, in Zehlendorf, am Teltowkanal. Und wir haben dann plötzlich erlebt, dass die Brücke, die früher zur Hälfte gesperrt war und die man nachher gar nicht mehr betreten konnte, plötzlich wieder offen war. Dass sich das alles zusammenfügte. Dass der Teltower Damm nach Teltow führt. Das war eine neue Erkenntnis für uns.

Meine persönliche Situation befand sich damals auch gerade im Umbruch. 1990 war ich 20 geworden, hatte ganz frisch meine Ausbildung hinter mir, meine erste Wohnung bezogen. Aus dem beschaulichen Zehlendorf nach Schöneberg, Martin-Luther-Straße. Zehn Minuten zum KaDeWe. Man lebte plötzlich mitten in der Weltstadt, im Herzen der Stadt. Damals haben wir noch nicht Hauptstadt gesagt, das war sie ja nicht.

Das eine Thema

Das Hauptthema im Wahlkampf war die Deutsche Einheit. Ich kann mich an kein anderes Thema erinnern, dass irgendwie dominierend war. Die CDU mit Helmut Kohl und der damals in Ostdeutschland formierten „Allianz für Deutschland“ war ganz klar für die Einheit. Die SPD war nicht offen gegen die Deutsche Einheit. Ich hatte aber den Eindruck, sie wollte sie nicht.

Das mag ein falscher Eindruck sein, aber der Eindruck war bei mir da. Und sie sagte: Das kostet alles ganz viel. Damaliger Spitzenkandidat war Oskar Lafontaine, gerade Ministerpräsident im Saarland gewesen. Ich sag es mal bösartig: Der war so weit weg von allem, was mit Berlin und Deutschland und Deutscher Teilung zu tun hatte. Ich glaube dem wäre die Wiedervereinigung mit Frankreich lieber gewesen, als die mit der DDR. Rein regional, ich bitte das nicht falsch zu verstehen.

Es bleibt etwas Besonderes, das Recht zu haben, zu wählen. In vielen Ländern wünschen sich Menschen dieses Recht, gehen dafür auf die Straße. Wir haben das Recht hier und es ist erschreckend, wie viele Menschen es nicht wahrnehmen.

Jede Wahl ist besonders

Es ergab sich noch eine persönliche Wendung bei mir, dass ich 1992 in der Verwaltung des Bundestages angefangen habe. Damit ist natürlich jede Bundestagswahl etwas ganz besonderes, weil sie mein ganz persönliches Arbeitsumfeld verändert. Plötzlich sind da neue Leute, von der ein oder von der anderen Partei. Das nimmt man dann natürlich auch wahr.

Zeitweilig war ich dann auch am Wahltag im Bundestag involviert in der Betreuung von Korrespondenten und Berichterstattern. Seit mehreren Jahren bin ich das nicht mehr und kann wieder selber als Wahlhelfer arbeiten. Und bin jetzt auch wieder Wahlvorsteher bei Wahlen. So auch dieses Jahr. Das ist auch etwas Besonderes, aber den Stellenwert von 1990, den kriegen Sie nur einmal hin.

Aufgezeichnet von Muhamad Abdi und Hannes Soltau

Die Videointerviews mit allen befragten Erstwählern sowie Grafiken, Analysen und Wahlplakate zu jeder Wahl finden Sie in unserem Projekt "Erste Wahl: Zeitreise durch die Bundestagswahlen", das in Zusammenarbeit mit Philipp Bock und Lisa Charlotte Rost von Tagesspiegel Data entstanden ist. Dieses Projekt sowie Umfragen, Kieztouren durch Berlin, eine Kandidatenbank und vieles mehr zur Bundestagswahl finden Sie in unserem Wahl-Spezial.

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