Berlin : Erster Auftritt im Gericht: Ken M. gesteht Schläge

Christians mutmaßlicher Mörder kam als Zeuge

Kerstin Gehrke

In Handfesseln und flankiert von zwei Wachtmeistern wird der 16-Jährige aus der Untersuchungshaft vorgeführt. Ken M. (Name geändert) ist mittelgroß und leicht untersetzt. Ein bulliger Typ, der schon oft zugeschlagen hat. Wenn seine Fäuste ins Gesicht treffen, spricht er von einer „Bombe“. Ken M. ist der mutmaßliche Mörder des siebenjährigen Christian. Im Saal D 705 des Kriminalgerichts aber geht es nicht um diese Tat. Ken M. kommt als Zeuge im Prozess um einen Angriff auf einen Bundeswehrsoldaten. Er und sein Kumpel Philip S. hatten den jungen Mann krankenhausreif geschlagen.

Die Vorsitzende Richterin erklärt dem während seiner Befragung Gefesselten, dass ihm ein umfassendes Schweigerecht zustehe. Weil sich niemand selbst belasten muss. Ken M. aber meint überraschend: „Ich sage aus.“ Wenig später stellt er sich vor seinen Freund: „Aus meiner Sicht bin ich der Haupttäter.“ Er selbst sei derjenige gewesen, der immer wieder in das Gesicht des Opfers geschlagen habe.

Der Angriff ereignete sich im Juni 2005 – zwei Monate vor dem Mord an Christian. Ken M. hatte mit seinem Freund und seiner Freundin jede Menge Alkohol getrunken und auf einer Zehlendorfer Tankstelle herumgelungert, um sich einen Joint zu drehen. Hier trafen sie auf den Soldaten. Der 23-jährige Tomasz T. war ebenfalls mit einem Freund unterwegs. Auch sie hatten einige Bier getrunken. „Der Geschädigte wollte sich unbedingt mit mir schlagen“, sagt Ken. Der 23-Jährige habe ihn mit „Neger“ beleidigt. Ken M. ist Sohn eines farbigen US-Soldaten. Er sagt, dass er den Tomasz T. aber vor allem attackierte, weil dieser eine Flasche in der Hand gehalten habe. „Der wollte mich damit schlagen“, behauptet er. „Da hab’ ich ihm einen Schlag gegeben, ins Gesicht, er ist auf den Boden, ich bin auf ihn raufgesprungen.“ Auch sein 19-jähriger Kumpel kannte offenbar keine Gnade. „Sie traten gegen den Kopf wie gegen einen Fußball“, sagt die damalige Freundin des mutmaßlichen Mörders.

Der Soldat kam mit Hirnblutungen, zertrümmerter Nase und Prellungen ins Krankenhaus. Ken M. und sein Komplize bestritten zunächst. Doch es gab jede Menge Zeugen. Der bereits vorbestrafte Ken M. rückte nach dem Anschlag auf die „Intensivtäterliste“ der Staatsanwaltschaft. In Untersuchungshaft aber musste er damals nicht. Ein Bereitschaftsrichter traf eine verhängnisvolle Entscheidung: Er setzte M. unter der Auflage auf freien Fuß, sich regelmäßig bei der Polizei zu melden. Daran hielt sich der Jugendliche. Zuletzt erschien er zwei Stunden nach dem Mord bei der Polizei.

Der kleine Christian wohnte in der Nachbarschaft des Jugendlichen. Ken M., der bei seinen Großeltern in Zehlendorf lebte, soll den Siebenjährigen am 27. August 2005 in ein Waldstück am Lupsteiner Weg gelockt und ermordet haben. Die Leiche lag nackt unter einer Plane im Gebüsch. Eine DNA-Spur führte zu dem Intensivtäter. Kurz nach der Festnahme gestand er, Christian „aus Frust“ erschlagen zu haben. Mit dem Mord-Prozess wird in den nächsten Wochen gerechnet. Dann soll sich M. auch wegen der Prügel-Orgie an der Tankstelle verantworten.

Für Philip S. kommt aus Sicht des Jugendschöffengerichts keine Bewährung mehr in Frage. Der Jugendliche, bei der Justiz mit elf Eintragungen bekannt, wird zu einer Gefängnisstrafe von zwei Jahren und drei Monaten verurteilt. Ihm und M. nahm das Gericht eine Bedrohung durch das Opfer nicht ab.

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