Erster Auftritt nach Skandal : Thilo Sarrazin: Irren kann gefährlich werden

Thilo Sarrazin denkt offenbar nicht daran, von seinem Vorstandsposten bei der Bundesbank zurückzutreten. Am Montag hatte er seinen ersten öffentlichen Auftritt nach seinen umstrittenen jüngsten Äußerungen.

Stefan Jacobs
Sarrazin Foto: dpa
Thilo Sarrazin ist als Bundesbankvorstand zuständig für die Bereiche Bargeld, Informationstechnologie und Risiko-Controlling. -Foto: dpa

Bundesbank-Präsident Axel Weber hatte dem früheren Berliner Finanzsenator am Wochenende indirekt den Rückzug nahe gelegt, nachdem Sarrazin in einem Gespräch mit der Zeitschrift „Lettre International“ sich pauschal abfällig über Migranten geäußert hat. Ausgestanden ist die Angelegenheit noch lange nicht.

Am Montagmittag hielt Sarrazin einen Gastvortrag mit dem Thema „Wahlergebnis – Welche Möglichkeiten gibt es?“ beim Mittelstandstag der Industrie- und Handelskammer (IHK). Auf seinem Weg ins Ludwig-Erhard-Haus erklärte er nur: „Sie können mich alle noch so erwartungsvoll angucken. Ich halte eine Rede, und dann fahre ich nach Frankfurt.“ Im Übrigen verweise er auf seine Entschuldigung vom vergangenen Donnerstag. Zwei kleine Anspielungen auf die Affäre mochte er sich dann aber doch nicht verkneifen: „Ist ja toll, dass der Mittelstandstag so viele Medien anzieht“, verkündete er angesichts der Traube der Reporter zu Beginn.

Und als er im Laufe seines Vortrages die erst zu optimistischen und dann zu pessimistischen Konjunkturprognosen der Wirtschaftsforscher Revue passieren ließ, lautete sein Fazit: Irren sei ungefährlich, solange sich auch die anderen irrten. Wenn dagegen ein Einzelner eine abweichende Meinung vertrete und diese sich als Irrtum erweise, sei er „nämlich der Dummkopf. Das lässt sich übrigens auf erstaunlich viele andere Bereiche übertragen".

Dafür gab es gedämpfte Lacher im Saal, während die Zuhörer ansonsten eine inhaltlich gewohnt brillante, aber von einem sichtlich angegriffenen Thilo Sarrazin vorgetragene Analyse erlebten. Öfter als sonst suchte der für seinen Scharfsinn bekannte Ex-Senator nach Worten, obwohl er die wesentlichen Fakten zur Lage von Weltwirtschaft und deutschem Staatshaushalt offenkundig auch ohne Manuskript parat hatte.

Sarrazin ist seit Mai bei der Bundesbank in Frankfurt am Main – und will dort offenbar bleiben, wie sich zumindest einer vagen Andeutung entnehmen ließ: Er habe bereits ein paar neue Folien, sagte er in Anspielung auf seine Gewohnheit, sämtliche Sachverhalte anhand von Diagrammen zu erläutern. Die neue Foliensammlung wachse erst noch. Regulär läuft Sarrazins Amtszeit bis 2014.

Der aktuelle Fauxpas wiegt aber auch deshalb besonders schwer, weil Sarrazin laut einem Bericht von „Spiegel Online“ das umstrittene Interview vorab seinem Chef Weber vorgelegt hat. Der habe es als „völlig inakzeptabel“ kritisiert und die Veröffentlichung strikt abgelehnt – offenkundig vergebens.

Ein Sprecher der Bundesbank wollte diese Darstellung auf Nachfrage des Tagesspiegels ebenso wenig kommentieren wie die berufliche Zukunft von Sarrazin. Letztere dürfte auch davon abhängen, ob die Berliner Staatsanwaltschaft ein Ermittlungsverfahren wegen Volksverhetzung einleitet. Zumindest prüft sie den Verdacht.

Auch in der SPD kommt auf Sarrazin einiger Ärger zu. Vom Ortsverband Alt-Pankow wurde ein „Antrag auf Einleitung eines Parteiordnungsverfahrens“ eingereicht, wie SPD-Fraktionsgeschäftsführer Christian Gaebler sagte, der auch Vorsitzender des mit Kreisverbandes Charlottenburg-Wilmersdorf ist – mit 2300 Mitgliedern der größte in Berlin. Das Verfahren gegen Sarrazin werde von einer dreiköpfigen Schiedskommission geführt und könne sich einige Wochen hinziehen. Die Konsequenzen könnten von der Einstellung über eine Rüge bis zum Ausschluss aus der SPD reichen. Der Kreisverband prüft nach Auskunft von Gaebler, ob er dem Verfahren formal beitritt, um sich ein Mitspracherecht zu sichern.

Wie die Sache ausgeht, ist ungewiss, aber das Unverständnis der Genossen ist offenkundig. Während einige Sarrazins Rundumschlag zumindest inhaltlich differenziert sehen, lehnen sie seine Wortwahl einhellig ab. „Menschenverachtend“ findet Gaebler sie. Partei- und Fraktionschef Michael Müller sprach von einem „völligen Fehlgriff“. Ansonsten hält sich die Berliner SPD auch deshalb zurück, weil das Schiedsgericht des Landesverbandes die Berufungsinstanz wäre, falls um die Zukunft des Genossen Sarrazin gestritten wird.

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