Berlin : Erster Mauerschützenprozeß um Todesschüsse auf Kinder

LARS TÖRNE

Zwei Jungen an Grenze in Treptow erschossen / Eltern wurden von der Stasi belogenVON LARS VON TÖRNE BERLIN.Vor über dreißig Jahren wurden an der Berliner Mauer zwei minderjährige Jungen erschossen.Gestern begann vor dem Landgericht der erste Mauerschützen-Prozeß, bei dem es um Todesschüsse auf Kinder geht.Dem ehemaligen Grenzsoldaten und Lehrer Siegfried B.wird vorgeworfen, am 14.März 1966 den zehnjährigen Jörg H.und den dreizehnjährigen Lothar S.getötet zu haben.Schätzungen zufolge sind an der innerdeutschen Grenze etwa 40 Kinder erschossen worden.Den Eltern gegenüber wurde in der Regel behauptet, ihre Kinder seien bei Unfällen ums Leben gekommen - so auch im gestern verhandelten Fall. Glaubt man seinen Worten, dann ist Siegfried B.mit sich im reinen."Ich habe mich richtig verhalten", behauptet der ehemalige DDR-Grenzsoldat und spätere Lehrer."Ich wollte nicht auf Menschen schießen, und das habe ich auch nicht getan." Dennoch starben am 14.März 1966 zwei zehn- und dreizehnjährige Jungen beim "Fluchtversuch" im Kugelhagel. Sie wurden an der Grenze zwischen Treptow und Neukölln erschossen, unweit des Postenturms "Grenzknick", auf dem zu jener Zeit der Wehrdienstleistende Siegfried B.und sein inzwischen verstorbener Kollege Paul P.Wache schoben.Die Kinder Jörg H.und Lothar S.hatten es bis zum Kfz-Hindernisgraben geschafft.Erfolgreich hatten sie in der Abenddämmerung den ersten Grenzzaun überwunden.Von Neukölln trennten sie außer dem Graben noch drei mit Stacheldraht gesicherte Zäune.Da sah Postenführer B.vom Beobachtungsturm aus einen Schatten, wie er gestern dem Gericht sagte. Nach zwei Warnrufen eröffnete er mit seiner Kalaschnikow das Feuer, 42 Schuß, angeblich, ohne bewußt zu zielen.Auch sein Kollege habe geschossen, ebenso die Grenzer vom benachbarten Wachturm "Sorgenfrei".Erst als er zum Graben gegangen sei, habe er gesehen, daß es sich um Kinder handelte.Hätte er das eher gewußt, hätte er nicht geschossen, behauptete B.gestern.Daß beide Kinder starben, will B.erst im vergangenen Jahr erfahren haben. Mit ruhiger Stimme und teilweise formelhaften Formulierungen berichtete B.von jenem Abend.Seine Worte klangen mehr nach Rechtfertigung als nach Reue.Wenn er vom 14.März 1966 erzählt, spricht er nach wie vor von "Grenzverletzern" statt von Flüchtlingen.Befragt von Richter Hans Boß nach seinem damaligen Selbstverständnis als Grenzsoldat, antwortet B., der bis 1996 in der Nähe von Magdeburg als Biologie-Lehrer arbeitete: "Ich wollte sozialistischer Lehrer werden, dafür mußte man bereit sein, mit einer Waffe in der Hand das sozialistische Vaterland zu verteidigen." Aus der Sicht von B.haben er und seine Kollegen Dienst nach Vorschrift geleistet."Uns wurden hinterher keine Vorwürfe gemacht, wir wurden sogar noch gelobt." Den Eltern von Jörg H.und Lothar S.ist damals von der Staatssicherheit erzählt worden, ein Junge sei ertrunken, der andere durch einen Stromschlag umgekommen.Totenscheine wurden gefälscht, die Leichen in Berlin eingeäschert.Zum Verfahren kam es nach langwieriger kriminalistischer Kleinarbeit.Ermittler waren in Krematoriumslisten auf die Namen der beiden Kinder gestoßen.

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