Berlin : Erwin Jöris (Geb. 1912)

„Einer muss ja reden, wenn ihr alle die Schnauze haltet.“

von

Hundert Jahre Leben. Viel zu viele davon in der Hölle.

Moskau 1993. „Es war eine Nebentür der Lubjanka, wo noch heute der Geheimdienst sitzt. In den Gängen erklärte uns einer was. Da rutschte mir raus: ‚Ja snaju u vas!“ – ‚Ich weiß hier Bescheid!’ Später forderte mich ein General in Uniform auf, als Ältester den Trinkspruch zu sagen, natürlich auf Russisch. Der Sekt stieg mir sofort in den Kopf. Irgendjemand holte meine Akten als Begrüßungsgeschenk. . . Ich dachte, ich träume. . .Immer ging mir durch den Kopf: Wie ist das möglich? Vor 60 Jahren wartete ich hier auf das Ende und heute hofieren die mich.“

Berlin, Sommer 1928. „Sonnabends zogen die Jugendlichen mit Wimpeln irgendeiner Clique und Namen wie ‚Stinktier’, ‚Wildsau’ oder ‚Apachen-Blut’ zum Bahnhof. Es ging hinaus mit Mandoline, Klampfe und Wanderliedern. Meist schlief ich bei Rudi Toffel, einem Schulfreund. In der Familie waren alle arbeitslos. Der Vater lebte immer draußen. Die Mutter kam sonnabends mit den drei Töchtern. Wir lagen dann kreuz und quer in dem großen Zelt. . . Ich wurde von allen Gruppen eingeladen, aber es war klar, dass ich bei der kommunistischen Jugend eintrat.“

Berlin, 1932, Stempelstelle. „Ich war mal wieder da und dachte: Heute gibt’s wieder Geld, das wird sie zu Hause beruhigen. Aber einer mit einer dicken Zigarre erzählte uns, dass die Kassen leer seien! Da ging es rund. Alles wurde auseinandergenommen – auch die NSDAP- Leute. Dann wurden die Geschäfte vor der Tür geplündert, Würste flogen durch die Straße, Brötchenkörbe wurden ausgekippt – eine richtige Rebellion. Eine ganze Hundertschaft Polizei kam. Und während die Polizei draußen holzte, saß ich drinnen unter einem Tisch, kniff immer ein Stück Wurst ab und dachte: Haste gut überstanden! Drei Tage später kam die Aufforderung, mich im Polizeipräsidium zu melden.“ Er war das erste Mal verpfiffen worden.

Rosenmontag 1933, Reichstagsbrand. „Sonnabends fing mich mein Vater ab und zog mich in einen Hauseingang: ‚Verschwinde, die haben alles auf den Kopf gestellt.’ . . . Immer wieder kamen die Männer von der SA. „Meine Mutter knallte ihnen die Stiefel vor die Füße. ‚Hier habt ihr die Klamotten. Den Kerl sucht ihr euch selbst.’ Gefährlicher als die SA war die Bevölkerung – wie besoffen.“ Verhaftung.

1. Juli 1933, Konzentrationslager in Sonnenburg. „Schwerer militärischer Drill und Schikane von früh bis spät – wie in der Wehrmacht, ein deutscher Fimmel, richtig preußisches Gedöns.“

1. Oktober Freilassung. Rückkehr nach Berlin. „Ich konnte das einfach nicht glauben: Überall Nazis. Leute, die mal eine ganz kleine Clique gewesen waren und sich auf den Straßen verstecken mussten, konnten nun rumlaufen wie die Fürsten. ‚Du brauchst jar nicht so dämlich zu grinsen, wir befinden uns im Dritten Reich!’, herrschte ihn eine Nachbarin an.“

Januar 1934, Moskau. „Wieder bekam ich einen neuen Namen: Ernst Blindenberg. Niemals meinen richtigen nennen, niemals was aus der Vergangenheit, nichts über private Verhältnisse erzählen, niemanden kennen . . . das wurde uns eingebläut. . . . Nach Gefängnis und Konzentrationslager hatte ich so auf Moskau gehofft – und jetzt war ich alleine und frustriert.“

Arbeitseinsatz in der „Fabrik aller Fabriken“, dem größten Maschinenwerk der Welt, dem „ökonomischen Fundament des Sozialismus“. Sommer 1936, Beginn der stalinistischen Säuberungen. „Wenn einer morgens im Betrieb fehlte, verschränkten die anderen nur die Finger vor den Augen, wie zu einem Gefängnisgitter. . . Alle wurden stumm und stummer. . . Und immer hab ich mich gefragt: Wieso bist du hierhergekommen, wieso hast du dich auf dieses Leben eingelassen?“

August 1937, Verhaftung. Lubjanka. „In einem Raum von 28 – 30 qm war ich mit 58 Personen untergebracht. Überall saßen und lagen welche: auf den Pritschen, darunter, in den Gängen. Kreuz und quer. . . Das Scheißhaus waren fünf Löcher im Boden . . .Es stank bestialisch.“

Die Anklage – erlogen. „Die blättern die Akten durch, und wenn sie gut geschlafen haben, kannst du Glück haben: fünf Jahre. Sind sie besoffen: 25 Jahre.“

Februar 1938, Abschiebung nach Deutschland. April, Verhör im Gestapo-Hauptsitz, Einlieferung ins Gefängnis Moabit. Besuch der Eltern. „Wo kommste denn jetzt her?“ – „Na das wisst ihr doch.“ – „Und wie geht es?“ – „Ist alles gut.“

Berlin 1938. Die drittgrößte Stadt der Welt. „Überall wehten Nazifahnen, und wo man hinspuckte, war ein Hakenkreuz.“ Erwin Jöris wurde aus dem Gefängnis entlassen, er galt nach seiner Russlandrückkehr als kuriert vom Kommunismus und arbeitete im Kohleladen seines Vaters.

„Es war zum Verzweifeln, diese Arschkriecherei mit Daladier und Chamberlain in München. Hitler drückte ihnen ein Stück Papier in die Hand, die erzählen was von Frieden, und Hitler grinste sich halbtot. Am Ende stand Krieg – das sah man doch vom Schiff. Aber die Leute wollten das nicht wahrhaben.“

Bei der Musterung wurde er gefragt: „Zu welcher Waffengattung wollen Sie?“– „Zu den Scheinwerfern.“ Er kam zu den Sanitätern. Einem ehemaligen Kommunisten wollte man keine Waffe in die Hand geben. Die Truppen rückten in den Osten vor, das Kriegslazarett hinterher. Kriegsgräuel allerorten. „Wehe, es kommt mal umgekehrt.“

Stalingrad. „,Vorwärts Kameraden, wir müssen zurück!’ wurde zum geflügelten Wort der Landser. Und immer Fliegerangriffe. Nur in den Wäldern war Ruhe. Nach dem schrecklichen Rückzug die dusseligen Reden vom Endsieg – da kriegte man das Kotzen.“

April 1945, Gefangennahme. „Ich rechnete damit, dass sie uns erschießen. ‚Raus, raus, raus, raus’, brüllte jemand auf Russisch. ‚Hände hoch.’ Es gab nicht einmal einen Schlag mit dem Gewehrkolben, nur Gebrüll. ‚Gitler kaputt, Krieg kaputt!’“

Abtransport ins Arbeitslager nahe Moskau. Abschiebung wegen Arbeitsunfähigkeit. Januar 1946. Ein freier Mann. „Mit Holzpantinen, Militärklamotten, einem Blechnapf, einem Löffel in der Brusttasche und einem Militärkäppi auf dem Kopf.“

Die Eltern waren mäßig erfreut. Ein Esser mehr. „Die Stadt war total in den Binsen. Total. Einfach nur Geröll. Das war nie mehr aufzubauen – da war ich sicher.“

Erwin verliebte sich in Gerda. „Sie war von auswärts gekommen, hatte nichts, ich hatte nichts. Und so was passt immer zusammen.“

Oktober 1949 Gründung der DDR. „Schade, dass Goebbels tot ist, dann hättet ihr einen guten Propaganda-Minister gehabt“, kommentierte Jöris die Aufnahme der vielen Altnazis in die SED. Sein Vater warnte ihn: „Hast du keine Angst, wenn du so redest?“ – „Einer muss ja reden, wenn ihr alle die Schnauze haltet.“

„Hättste dich man gut gestellt mit der DDR, dann hättste heute einen hohen Posten, hat mancher zu mir gesagt. Aber dann hätte ich ja alles runterschlucken müssen: den ganzen Verrat, die Verhaftungen, den Terror, die Lager. Wo wäre ich dann heute? Einer von diesen Verbrechern.“

Dezember 1950. „,Da sind zwei Herren, die wollen dich sprechen.’ ,Tag Genosse. Du sollst mal ins Parteilokal kommen.’ Es wäre was zu klären. ‚Um drei Uhr muss ich wieder bei der Arbeit sein.’ – ‚Um drei Uhr biste dicke wieder hier.’“

Verhaftung. Untersuchungsgefängnis Hohenschönhausen, zusammengesperrt mit einem seiner alten KZ-Bewacher. „Die Nazis werfen dir was vor. Und die Russen wollen immer, dass du dich selber beschuldigst – das ist der Unterschied.“ Die Anklage – erlogen. Das Urteil: 25 Jahre „Besserungsarbeitslager“.

„Die können mich doch alle mal am Arsch lecken“, brummte er beim Hinausführen. Er wurde als „Faschist“ vom Schlesischen Bahnhof abtransportiert. Von dort aus hatten ihn die Nazis als Kommunisten nach Sonnenburg verschleppt.

Archipel Gulag. Workuta. Mittelpunkt der Hölle. Jöris hielt durch. Daheim galt er als verschollen. Nach sechs Jahren wurde er entlassen. Gerda hatte auf ihn gewartet. Die beiden zogen nach Köln.

„Nacht für Nacht verfolgten mich die Sachen. Wenn ich auf dem Rücken lag, bekam ich Albträume, randalierte, schimpfte, krakeelte und schlug im Halbschlaf um mich.“

„Ob wir frühstücken oder Mittag essen“, erzählte Gerda dem Biographen Andreas Petersen, „immer kommen die Geschichten hoch, das ganze Jahrhundert. Das ist so eingeprägt, so unvergesslich. – Aber wenn man sich das so anhört, was der alles erlebt hat . . . da sag ich manchmal: Wie haste das bloß alles überkommen?“

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