Berlin : Erwünschter Widerstand

Ein mobiles Team hilft in Johannisthal bei Problemen mit Neonazis

Hannes Heine

Kein Zweifel, Treptows Ortsteil Johannisthal hat ein Problem mit Rechten. Hier sind die Aktivisten der verbotenen Neonazikameradschaft „Berliner Alternative Südost“ zu Hause, hier besetzten Rechte ein Gebäude und nannten es „Wolfsschanze“, hier baten sie Bezirksbürgermeister Klaus Ulbricht (SPD) 2004 um ein „nationales Jugendzentrum“, und am Sterndamm griffen sie Ende August zwei Polizisten an. Deshalb ist Johannisthal Einsatzgebiet der „Mobilen Beratung gegen Rechtsextremismus“ (MBR), die vom Verein für demokratische Kultur in Berlin getragen und vom Land wie auch vom Bund gefördert wird. Die Bundesmittel entfallen im nächsten Jahr, die Arbeit des MBR kann dann nicht wie gewohnt fortgesetzt werden.

Die MBR berät Lokalpolitiker, Lehrer und Sozialarbeiter im Kampf gegen rechts – Leute wie Antje Oehler. Die Erzieherin arbeitet im Jugendzentrum Johannisthal in der Winkelmannstraße. Der Jugendklub war lange als rechts verschrien. Anhänger des Neonazifunktionärs René Bethage rekrutierten hier Nachwuchs. „Das ging so weit, dass Eltern ihre Kinder nicht mehr hierherschicken wollten“, sagt Oehler. Sven J., 19 Jahre alt, kommt regelmäßig hierher und kann sich gut erinnern: „Oft lungerten hier Schläger rum, die jeder in Treptow kannte.“ Sie schüchterten linke Jugendliche ein, machten sich in den Räumen breit. Bis Bodo Schlicht, Leiter des Jugendklubs, bekannten Neonazis Hausverbot erteilte. Darunter befand sich auch Markus L., der vor dem Klub den Hitlergruß zeigte und inzwischen Bundesvorstandsmitglied der Jugendorganisation der NPD ist. Schlichts Vorgehen blieb nicht ohne Folgen, er wurde bedroht, sein Name tauchte im Internet auf einschlägigen Seiten auf.

Andere Neonazis kamen. „Wir wurden von Rechten besucht, die ohne Punkt und Komma reden können“, sagt eine Mitarbeiterin des Hauses. Die gut gekleideten jungen Männer sprengten Diskussionen, verteilten Flugblätter, klebten Aufkleber der NPD an die Wände. „Die galten irgendwann als die Cooleren“, erzählt einer der fünf Mitarbeiter des Klubs. Das hat sich geändert, als die MBR ins Spiel kam. „Die Kollegen geben Rechtsberatungen, können gut argumentieren und wissen über die rechte Szene Bescheid“, sagt Oehler. Die MBR schulte Mitarbeiter, um rechtsextreme Symbole rechtzeitig zu erkennen. Oehler kann nun einschätzen, in welcher Organisation unerwünschte Besucher möglicherweise Mitglied sind.

Bianca Klose, Leiterin der Beratung, kennt rechte Provokateure oft mit Namen. Sie habe auch Mut gemacht, offen zu sagen: Ja, wir haben ein Problem mit Neonazis. „Vielerorts will das niemand zugeben“, sagt ein Mitarbeiter. Klose war auch an der Bildung eines Netzwerkes beteiligt, in dem sich Treptower Lehrer, Politiker und Sozialarbeiter beraten.

Bezirksbürgermeister Ulbricht ist mit der freien Beratung zufrieden. Der Bürgermeister von Marzahn-Hellersdorf, Uwe Klett, wünscht sich hingegen mehr Einfluss der Bezirke. Doch in Marzahn, Treptow, Lichtenberg und Neukölln ist die NPD inzwischen mit dabei. „Die Partei hat Anspruch auf Ausschussplätze“, sagt Ulbricht. Die Treptower Fraktion der NPD könnte auch in den Jugendhilfeausschuss einziehen. Im Jugendzentrum Johannisthal habe immer noch eine Handvoll Besucher Kontakte zu Rechten, sagt Sven J. „Aber die trauen sich nicht mehr so aufzudrehen.“ Das könnte sich ändern.

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