Berlin : Erzähl mir was vom Bild

Während der „Jungen Nächte“ führen Kunststudenten durch die Gemäldegalerie. Und das gratis

Konstantin J. Sakkas

„Gibt’s hier Cranach?“, fragt ein neugieriger Museumsbesucher ins Foyer hinein. Na klar gibt’s hier Cranach, den Älteren und den Jüngeren, denn er steht ja im Foyer der Gemäldegalerie. Jeden Donnerstag zwischen 18 und 22 Uhr lockert sich hier die Stimmung spürbar auf, denn es beginnen die „Jungen Nächte“: Kunstgeschichtsstudenten von allen drei Berliner Universitäten gruppieren sich in den Ausstellungsräumen, um Besucher in die Geheimnisse von Rubens’ Farbtechnik oder die christliche Symbolik bei Caravaggio einzuführen. Das heißt, es sind vor allem Studentinnen, die hier ohne Honorar, dafür mit viel Enthusiasmus zusammenkommen, um sich in der Museumsführung zu üben.

Euphemia von Kaler ist eine von ihnen: Sie wolle „dem Besucher die Distanz zum Gemälde nehmen“, sagt sie auf die Frage, was sie sich von der Arbeit erhofft. Vor allem „interessierte Laien“ sollen erreicht werden, etwa Menschen wie Gerhard Kratz. Der pensionierte Diplom-Ingenieur hat sich immer für Kunst begeistert; jetzt endlich hat er Zeit für diese Leidenschaft. Dass am Donnerstagabend der Eintritt frei ist, spiele für ihn keine Rolle: „Ich will mein Kunstwissen erweitern,“ sagt Kratz; dafür sei diese alternative Führung hervorragend, weil die Studentinnen „nicht Phrasen dreschen, sondern das Gespräch mit uns suchen“.

Um Hans Multschers „Wurzacher Altar“, ein farbenprächtiges Panorama über das Leben Jesu aus dem Jahr 1437, tummelt sich eine Gruppe schon älterer Museumsbesucher. Im Mittelpunkt: Zwei junge Damen, die angeregt religiöse Details und malerische Nuancen erklären und so gar nicht dem Stil klassischer Museumsführung entsprechen, der die üblichen Rundgänge oft zu einer langatmigen One-Man-Show missraten lässt, mit minutenlangen Monologen und Fachbegriffen, die keiner versteht. Alessa Rather und Sarah Salomon, beide von der FU, haben schon ihre „Stammkunden“, wie eine von ihnen augenzwinkernd verrät: Rentner in der Regel, gewiss, aber auch andere Studenten, vor allem aus dem Ausland, und sogar Publikum, das sonst „eher in den Hamburger Bahnhof geht“. Von den Zuhörern wirkt keiner gelangweilt. Viele sind regelmäßig dabei, stellen Fragen, haken nach – und kommen am nächsten Donnerstag wieder.

So wie drei Männer um die fünfzig, die beeindruckt vor einer Stadtansicht von Canaletto aus dem 18. Jahrhundert stehen. Ein Naturwissenschaftler, ein Mediziner und ein Journalist – Donnerstagabend in der Gemäldegalerie ist mittlerweile Jour fixe für die drei. Sie wollen „kostenlos Schönes sehen“, sagt einer von ihnen schmunzelnd, „abspannen von den tausend Banalitäten des Alltags“. Einen besseren Ort als ein Museum können sie sich nicht denken. Warum ausgerechnet in die Gemäldegalerie? „Weil wir hier zwanglos etwas sehen und lernen können.“ Die lange Öffnungszeit und der freie Eintritt sind zwei Gründe für ihren Besuch; vor allem aber die charmante und sachkundige Führung, die so gar nichts von der öden Berieselung hat, für die man sonst horrende Preise zahlt.

Dass auch das Museum von den „Jungen Nächten“ profitiert, steht für Ines Bellin vom Besucherdienst fest. Sie koordiniert die Aktion, die exklusiv in der Gemäldegalerie läuft, in Verbindung mit Professor Eberhard König vom Kunsthistorischen Institut der FU und kann sich über mangelnden Zulauf nicht beklagen: Bis zu 700 Gäste kommen jeden Donnerstag ins Gebäude am Kulturforum, Tendenz steigend. Ein finanzieller Gewinn spielt dabei keine Rolle; der Eintritt ist ja Donnerstagabend sowieso frei. Aber die kulturpolitische Ambition ist unübersehbar: „Wir haben hier eine der wunderbarsten Gemäldesammlungen der Welt“, sagt Bellin. „Es wird Zeit, dass das auch von denen erkannt wird, die glauben, sie müssten erst nach Paris oder London fahren, um große Kunst zu sehen.“

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