Erzählen ohne Worte : Vernissage der Fotoreporterin Ann-Christine Jansson

Ann-Christine Jansson blickt auf viele Jahre als Fotoreporterin zurück, heute gibt sie Reportage-Kurse. Ihre Schüler haben für die Ausstellung "WIR - Hier ist anderswo" an den Rändern der Berliner Gesellschaft gesucht. Donnerstagabend ist Vernissage in der Heilig-Kreuz-Kirche.

Sophie Aschenbrenner
Beim Besuch im Flüchtlingsheim konnte Fotografin Rannveig Einarsdóttir nicht mit der 38-jährigen Kurdin kommunizieren. Dennoch öffnete sich die Frau für dieses Porträt.
Beim Besuch im Flüchtlingsheim konnte Fotografin Rannveig Einarsdóttir nicht mit der 38-jährigen Kurdin kommunizieren. Dennoch...Foto: Rannveig Einarsdóttir

Leicht hatte es keiner von ihnen: Die 15 Reportageschüler der schwedischen Fotografin Ann-Christine Jansson sind an ihre Grenzen gegangen, um ihre Fotoprojekte zu verwirklichen. Da ist Rannveig Einarsdóttir aus Island, die in einem Flüchtlingsheim eine kurdische Familie fotografiert hat. Über mehrere Monate hat die Sozialpädagogin die Flüchtlinge besucht. Oder Dominique Caillat. Sie hat sich mit jenen beschäftigt, die Flüchtlingen helfen. Aus dem gemeinsamen Projekt ist eine Ausstellung geworden, die an diesem Donnerstagabend in der Heilig-Kreuz-Kirche in Kreuzberg eröffnet wird.

Die Kommunikation sei schwierig gewesen, erzählt Einarsdóttir, denn nur die Kinder sprächen Deutsch. Erst langsam habe sich eine Beziehung aufgebaut. Diese Vertrautheit zeigt sich auch in den Bildern. Beim zweiten Besuch entstand ein Portät der 38-jährigen Mutter. „Die Kinder waren nicht da, wir konnten nicht miteinander sprechen“, erzählt die Isländerin. „Doch ich habe gemerkt, wie sie sich mir gegenüber geöffnet hat.“ Im Blick der Porträtierten liegt Melancholie.

WIR - Hier ist anderswo
Beim Besuch im Flüchtlingsheim konnte Fotografin Rannveig Einarsdóttir nicht mit der 38-jährigen Kurdin kommunizieren. Dennoch öffnete sich die Frau für dieses Porträt.Weitere Bilder anzeigen
1 von 12Foto: Rannveig Einarsdóttir
20.05.2015 17:49Beim Besuch im Flüchtlingsheim konnte Fotografin Rannveig Einarsdóttir nicht mit der 38-jährigen Kurdin kommunizieren. Dennoch...

Reportagefotografie soll Stellung beziehen

Ein solches Bild könne man nicht einfach so machen, sagt Ann-Christine Jansson. „Es ist wichtig, Nähe zu den Menschen entstehen zu lassen, die man fotografieren möchte.“ Jeder Fotograf trage einen Rucksack mit Erfahrungen mit sich, der sich in den Bildern widerspiegle. Das ist Jansson wichtig: Stellung beziehen zur Wirklichkeit. Genau das möchte auch die Ausstellung „WIR. Hier ist anderswo“. In ihr zeigt sich auch Heterogenität der Fotografen, die unterschiedlichen Herkunftsländer, Berufe, Herangehensweisen. Jansson hat in der ehemaligen DDR die Opposition fotografiert, Umweltverschmutzung dokumentiert und als Fotoreporterin unter anderem für den „Stern“ gearbeitet.

Seit zehn Jahren gibt sie an der VHS Kreuzberg Fotoreportage-Kurse. Aus dem Kurs, der im September begann, ist „Hej Hej Reportagefotografie“ entstanden. Alle 15 Fotografen wollen ihre Projekte weiterverfolgen. „Ich wollte die Menschen zeigen, die sich für die Neuankömmlinge einsetzen und ihnen helfen, ein Teil der Gesellschaft zu werden“, sagt Caillat. Als Autorin und Regisseurin sei sie es gewohnt, mit Worten zu erzählen. „Plötzlich nur ein Foto zu haben, um etwas Bestimmtes auszudrücken, war am Anfang schwer“, sagt sie.

Viele der Projekte sind längst nicht vorbei

Auch das Projekt von Jens Mende und Melanie Haefner ist noch längst nicht zu Ende. Sie haben in der Khadija-Moschee in Pankow fotografiert, Mende die Männer, Haefner die Frauen, denn beide Geschlechter beten voneinander getrennt. Nun planen sie, das Projekt weiterzuverfolgen. Haefners zweite Fotoserie ist ganz anders: Die Fotografin hat die Reggae-Band OYA begleitet, die „pure Lebensfreude“ versprüht. Mende hat Deutsch-Russen in Marzahn beim Kartenspielen besucht, der Franzose Etienne Ster war fasziniert von der Berliner Kneipenkultur, die ganz anders sei als in Rouen, wo er herkommt. „Die Kneipe ist hier wie ein Wohnzimmer“, sagt er. Marlies Matthes hat Obdachlose mit Alkoholproblemen begleitet, Intissare Aamri bewegende Schwarz-Weiß-Fotografien von Menschen gemacht, die auf der Straße leben. Aus manchen Projekten sind persönliche Beziehungen entstanden: Einarsdóttir kann bald auch mit der Kurdin, die sie porträtiert hat, sprechen. „Sie bringt mir Arabisch bei und ich ihr Deutsch.“ Nähe entstehen lassen, diesen Rat hat die Isländerin sich zu Herzen genommen.

Ausstellung: 21.5.–6.6.2015 in der Heilig-Kreuz-Kirche, Zossener Str. 65, Kreuzberg, Vernissage: 21.5., 19 Uhr, Eintritt frei.

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