Erziehung in Berlin : Im Zweifel lieber dagegen

Tempelhofer Freiheit und Berliner Bürgerwillen: Was können Kinder daraus lernen? Und wie sollen wir Eltern es vermitteln? Ai Wei Wei kann helfen.

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Ästhetik des Widerstands. Der kindliche Mittelfinger vor dem Werk des chinesischen Künstlers Ai Wei Wei.
Ästhetik des Widerstands. Der kindliche Mittelfinger vor dem Werk des chinesischen Künstlers Ai Wei Wei.Foto: Emma Wiehler

Welche Schlüsse zieht man aus der zurückliegenden politischen Woche – ich meine, als Familienvater und Erziehungsberechtigter? Die Schwierigkeiten beginnen schon mit der Frage, welche Perspektive für Eltern überhaupt die richtige ist. Sind wir eher die Regierung – nicht gewählt, sondern von der Natur dazu bestimmt –, oder ist die Familie eher als Kuschelgruppe und erst nachrangig als hierarchisches System zu betrachten? An dieser Frage scheiden sich in Berlin ja schon die Geister.

Beim Volksentscheid über die Zukunft des Tempelhofer Feldes gab es für meine elfjährige Tochter Emma keinerlei Diskussionsbedarf: "Ist doch klar, dass dort nichts gebaut werden darf." Wozu also darüber abstimmen? Da fühle ich mich als Vater herausgefordert, die Gegenargumente zu benennen, die Position der Regierung einzunehmen, nicht, um zu überzeugen, sondern um als Demokrat für die Vielfalt und den Wettstreit der Meinungen zu werben.

Emma zuckt nur mit den Schultern. Pluralismus ist ihr zu kompliziert. Meiner Meinung nach sind Kinder keine geborenen Demokraten. Sie beugen sich ungern Mehrheitsvoten und Argumenten. Über die wesentlichen Dinge des Lebens wollen sie nicht selbst entscheiden. Sie fühlen sich wohler, wenn sie auf glaubwürdige Autoritäten vertrauen können. Deshalb macht es auch Sinn, jungen Menschen das Wahlrecht vorzuenthalten, bis sie eine gewisse politische Reife erlangt haben. Erziehung ist Diktatur. Eltern, die etwas anderes behaupten, erziehen nach dem Walter-Ulbricht-Modell: "Es muss demokratisch aussehen, aber wir müssen alles in der Hand haben." Meine Meinung! Aber ich ahne, dass ich für eine Minderheit spreche.

Kinder und Berliner haben manches gemeinsam

Meiner Tochter sind andere Meinungen eher egal. Sie will, dass in Tempelhof alles so bleibt, wie es ist. Kinder sind konservativ! Bloß keine Veränderungen, und trotzdem ständig am Nörgeln, nie haben sie Lust, ihr Zimmer aufzuräumen, und alle wollen sie einen Hund. Kinder und Berliner haben manches gemeinsam.

Wenn man nur genau wüsste, was sie wollen, diese Berliner. Die meisten sind ja nicht mal zur Wahl gegangen, weder zur Tempelhof-Abstimmung noch zur Europawahl. In beiden Fällen hat sich nur eine Minderheit der Wahlberechtigten beteiligt.

Mittelfinger als Regimekritik

"Die wissen doch ihre Freiheit gar nicht zu schätzen", schimpfe ich. "Ich will schon lange alles selbst entscheiden", sagt Emma. Das ist der Freiheitssinn, den ich mir von meiner Tochter wünsche. Aber bitte, alles zu seiner Zeit und in vernünftigem Maß. Und zuerst kommt die politische Bildung.

Wir besuchen die Ai-Weiwei-Ausstellung im Gropius-Bau. Ich erzähle Emma von den Schwierigkeiten des Künstlers mit der chinesischen Regierung, von seiner Inhaftierung und den chiffrierten regimekritischen Botschaften seiner Werke. Als wir zu den Schnappschüssen von Sehenswürdigkeiten kommen, die Ai Weiwei mit dem ausgestreckten Mittelfinger vor der Kamera fotografiert hat, macht meine Tochter ein Handy-Bild – und hält auch ihren Mittelfinger herrschaftskritisch vors Objektiv.

Guter Anfang. Kluges Mädchen. Stolzer Vater.

Ai Weiwei - "Evidence", die Ausstellung läuft noch bis 7. Juli täglich 10 bis 20 Uhr im Martin-Gropius-Bau, Niederkirchnerstraße 7. Infos unter www.berlinerfestspiele.de

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