Berlin : „Es besteht kein Grund zur Panik“

Wie die türkischen Blätter ihre Leser auf die Bundestagswahl einstimmten – und sie auf einen möglichen Regierungswechsel vorbereiteten

Suzan Gülfirat

So viel deutschen Wahlkampf in türkischen Zeitungen gab es nie zuvor. Wochenlang begleiteten die Reporter der Zeitungen deutsche und türkischstämmige Kandidaten bei Terminen auf türkischen Märkten, in Moscheen und bei Unternehmen vor allem in Berlin. Zudem erschien jede Äußerung der Kanzlerkandidaten zum Thema EU-Beitritt der Türkei, bebildert und in großen Buchstaben auf den Titelseiten der Europa-Beilagen.

Am Wochenende zeigten alle türkischen Zeitungen, die in Deutschland erscheinen, die Kontrahenten Gerhard Schröder und Angela Merkel groß auf ihren Titelseiten. „Das Wort gehört dem Wähler“, titelte die Türkiye dazu. Auf der dritten Seite nahm die Zeitung ihren Lesern jedoch die Angst vor einem Regierungswechsel, indem sie den politischen Berater von Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan in der Überschrift ihres Aufmachers zitierte: „Es besteht kein Grund zur Panik“, sagte Cüneyt Zapsu vor türkischen Journalisten im Hotel Adlon. Egal, wer die Wahl gewinne – auf den Beginn der EU-Beitrittsgespräche werde das keinen Einfluss haben.

Die Milliyet bemerkte am Sonntag dennoch auf ihrer Titelseite, dass es bei dieser Wahl für die Türkei sehr kritisch aussieht. Die Hürriyet drückte noch viel krasser aus, was sie von einem Regierungswechsel hält. „Morgen...“, titelte die Zeitung, „...ist sowohl für Europa als auch für die Türkei ein sehr wichtiger Tag.“ Schließlich will die EU am 3.Oktober die Beitrittsgespräche mit der Türkei aufnehmen, und die Hürriyet machte am Vortag der Wahl keinen Hehl daraus, was sie von einem Regierungswechsel hält. Auf ihrer Titelseite zeigte die Zeitung einen strahlend lächelnden Gerhard Schröder und daneben eine mit verkniffener Miene debattierende Angela Merkel. Am Sonntag rief die Zeitung dann mit neutraleren Fotos von den beiden Politikern „jeden, der stimmberechtigt ist, dazu auf, von seinem demokratischen Staatsbürgerrecht Gebrauch zu machen.“

Ein Geheimnis ist es ja nicht, was die türkischstämmigen Deutschen gewählt haben. Beim Endergebnis des Wahltelefons, das die Hürriyet geschaltet hatte (wir berichteten), kam am Sonnabend heraus, dass die SPD 74,7, die Grünen 9,8, die CDU/CSU 5,9, die Linkspartei 8,7 und die FDP 0,9 Prozent der Stimmen bekommen wird. Wie viele Deutschtürken gewählt haben, wird auch bei dieser Bundestagswahl Geheimnis bleiben. Der Bundeswahlleiter führt über die Herkunft der Wähler keine Statistiken. Wie viele der 27 türkischstämmigen Kandidaten (fünf davon gehören der Marxistisch-Leninistischen Partei an) den Sprung in den Bundestag schaffen, wird dagegen jeder sehen können.

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