Berlin : Es geht auch ohne Geld

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Von Henning Kraudzun

Manchmal wird der kleine Umsonst- Laden in der Brunnenstraße zum Basar. Mit dem entscheidenden Unterschied, dass überhaupt nicht gehandelt wird. Hier zählt Geben und Nehmen, Geld wird nicht verlangt. Das spricht sich herum, mittlerweile in ganz Berlin. So wuchern die überladenen Regale unaufhaltsam in die Räume hinein, dazwischen drängeln sich Schnäppchenjäger, Sympathisanten und Passanten. Jeder will irgendetwas abstauben oder loswerden.

Im Minutentakt bringen die Leute aussortierte Dinge vorbei. Altes Geschirr, verstaubte Computerhardware, Schmöker, Brettspiel-Klassiker, sogar Haargel in Tuben. Der Keramik- Schneemann ist neben der großen „Optima“-Schreibmaschine einsortiert, in den Regalen steht Klaus Mann neben Bastei Lübbe. Alles ist unentgeltlich zu haben: Klamotten, Hackenschuhe, Küchengeräte und Skie, sowie Kaffee und Tee in großen Kannen oder Surfen im Internet.

Vor allem technische Geräte, die im ersten Moment unbrauchbar erscheinen, überprüfen die Betreiber akribisch. „Die Sachen sollten funktionieren“, sagt Jens, der zusammen mit anderen das Sozialprojekt aufgebaut hat. Andere dürfen die noch brauchbaren Dinge mitnehmen, manche hamstern, die meisten sind bescheiden. „Nachbarschaftliche Kooperation und sozialer Austausch“, so nennen die Betreiber das Prinzip ihres Ladens.

Dabei will man keinen anonymen Umschlagplatz für die Dinge aufbauen, sondern sucht das Gespräch. „Man soll sich hier auch über die eigenen Bedürfnisse klar werden“, sagt Grit. Sich von dem angehäuften Ramsch zu trennen, dazu gehöre Überwindung. Und wenn andere regelmäßig vorbeischauen und möglichst viel mitnehmen wollen, spricht sie die Gäste gezielt an: „Braucht ihr das wirklich?“ Die Frage sitzt, zaubert Verlegenheit, ein kurzes Grübeln herbei. Hinter dem Umsonst-Laden steckt auch ein wenig Psychologie.

Eine ältere Frau ist froh, den Laden gefunden zu haben. „So kann ich mich endlich mal von einem Teil des Geschirrs trennen. Was soll ich noch damit?“, fragt sie. Über 80 Jahre sei sie alt und wolle lieber verschenken, nichts horten. Derweil lässt sich ein Mann erklären, wie das Sozialprojekt funktioniert. Über die vielen staubigen Töpfe schüttelt er den Kopf. „Ihr holt euch bei dem Krempel noch Lungenödeme“, sagt er und lacht. Jens versichert auch ihm: „Das ist kein Recyclinghof, sondern ein Gebrauchtladen, alle Dinge sind in Ordnung.“ Der Mann ist schnell überzeugt: „Dann weiß ich ja, wem ich meinen alten Monitor schenken kann.“

„Umsonst-Läden existieren schon lange in anderen Großstädten Europas“, erzählt Jens, der in Hamburg auf die Idee aufmerksam wurde. In Berlin machte er dann zusammen mit Grit den vierten Laden Deutschlands auf. Seit Dezember nutzen sie das ehemalige Straßencafé des Wohnprojektes in der Brunnenstraße für ihren Laden. Dort wollen sie zeigen, dass Alternativen zur Konsumgesellschaft machbar sind. Machbar ist das hingegen nicht für den neuen Hauseigentümer. „Im vergangenen Jahr kaufte er das Haus und fuhr gleich einen Konfrontationskurs“, sagt Jens. Eine Flut von Klagen erreichte die Bewohner, eine Räumung des Ladens stand bevor. Hauseigentümer und Ladenbetreiber wollen sich aber einigen.

Wenn im Laden mit seinen späten Öffnungszeiten ein Kommen und Gehen herrscht, entwickelt sich zwangsläufig so etwas wie eine Sozialstation. Ein Rechtsanwalt, der sagt, er sei in Eile und auf dem Weg nach Hause, bringt den ausgedienten Computer, den der Punker von nebenan gleich mitnehmen will. Sie können für einem Moment miteinander reden, beide lachen und klopfen sich auf die Schulter. Das Prinzip des Ladens haben sie längst verstanden. Draußen tobt unterdessen die Hektik des Feierabendverkehrs. Passanten schauen kurz durch die offene Tür, viele schütteln den Kopf, einer schimpft: „Asozial!“

Umsonst-Laden, Brunnenstraße 183, Mitte, Infos unter Tel. 27594233 oder im Internet: www.kommunecafe.de

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